Das dramatischste Spiel in der Geschichte der Relegation liefern sich vor 23 Jahren Borussia Dortmund und Fortuna Köln. Der Zweitligist aus Köln hat das Hinspiel 2:0 gewonnen und führt in Dortmund zur Halbzeit 1:0. In einer nervenaufreibenden zweiten Halbzeit dreht der BVB das Spiel noch.

ZEIT ONLINE: Herr Raducanu, Sie waren damals der zentrale Mittelfeldspieler der Dortmunder. Was passierte genau in dem Spiel vor 23 Jahren?

Marcel Raducanu: Das war das brutalste, was ich in meinen sechs Jahren in Dortmund erlebt habe. Gleichzeitig aber auch der schönste Moment nach dem Happy-End. Eigentlich waren wir zur Halbzeit schon abgestiegen.

ZEIT ONLINE: Was lief schief?

Raducanu: Wir sind überhaupt nicht ins Spiel gekommen. Mit jeder Minute sind wir nervöser geworden. In der Halbzeit haben wir uns gesagt: Verdammt, wir müssen jetzt Gas geben. Wir dürfen nicht absteigen.

Kurz nach der Pause gelingt Michael Zorc immerhin per Elfmeter der Ausgleich zum 1:1. Doch es kommt noch besser: 20 Minuten vor dem Abpfiff nährt Raducanu die Hoffnung der Dortmunder auf ein glückliches Ende.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig war denn der Ausgleich durch Michael Zorc kurz nach der Halbzeit?

Raducanu: Er hat uns gezeigt, dass noch was geht. Doch wichtiger war mein Tor zum 2:1. Ich weiß noch, wie eine Flanke von rechts geflogen kam, und ich einfach meinen Kopf hingehalten habe. Plötzlich war der Ball im Winkel. Unglaublich, das war mein erstes und letztes Kopfballtor für den BVB. Die Fans sind danach aufgewacht und haben uns nach vorne gepeitscht.

Mittlerweile läuft die vorletzte Spielminute. Die Fortuna hat einen Eckball. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen, denken sich die Kölner Fans. Der Stürmer Bernd Grabosch will in der Nähe der Eckfahne den Ball halten, um Zeit zu schinden. Doch dann vertändelt er den Ball gegen die nach hinten geeilten Angreifer Daniel Simmes und Jürgen Wegmann, der wenig später zum entscheidenden Mann werden wird.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das Tor von Jürgen Wegmann erlebt, das den BVB in das dritte Entscheidungsspiel rettete?

Raducanu: Das Stadion ist förmlich explodiert. So etwas habe ich selten erlebt.

Der Ball ist inzwischen bei Raducanu gelandet, der ihn weit und hoch nach vorne schlägt. Die Kölner Abwehr klärt nicht weit genug, Ingo Anderbrügge kommt zum Schuss. Der bis dahin tadellose Torwart Jacek Jarecki lässt den Ball abprallen. "Ich weiß noch genau, wie ich im Sechzehner auf so eine Situation gewartet habe", berichtet Wegmann. "Und dann kam sie: Ich wusste, das ist die allerletzte Chance, sonst sind wir abgestiegen." Mit letzter Kraft stochert der Stürmer den Ball zum 3:1 ins Tor.

ZEIT ONLINE: Jürgen Wegmann sagte uns, es sei "der lauteste Torschrei in der Geschichte von Borussia Dortmund" gewesen.

Raducanu: Wir haben uns gefühlt, wie die Spieler des VfL Wolfsburg. Es war, als wären wir Deutscher Meister geworden. Einige haben vor Glück geweint, und die Fans sind auf den Platz gestürmt.

Für Wegmann ist das Tor von persönlicher Bedeutung. Kurz vor Saisonende war bekannt geworden, dass er zu Schalke 04 wechselt, dem Rivalen im Revier. Bei den Fans wurde Wegmann deshalb vom Publikumsliebling zum Buhmann. "Nach dem Tor haben sie mir aber alle verziehen und sind mir noch heute dankbar", erzählt er.

ZEIT ONLINE: Das dritte Spiel in Düsseldorf war dann eine klare Sache für Ihre Mannschaft?

Raducanu: Ja, wir haben 8:0 gewonnen. Wir waren vorher ein bisschen sauer auf die Spieler von Fortuna Köln. Die wollten das Spiel verlegen lassen, weil Sie angeblich große Verletzungssorgen hatten. Damals war in den Partien Christos Orkas mein Gegenspieler. Heute ist er einer meiner besten Freunde. Dass die Fortuna nicht aufgestiegen ist, ärgert ihn noch heute.

ZEIT ONLINE: Was wäre passiert, wenn Borussia Dortmund abgestiegen wäre?

Raducanu: Die Mannschaft wäre auseinander gefallen. Ich glaube, wir wären nicht so schnell wieder aufgestiegen. Die Erfolge des BVB in den 90er Jahren mit zwei gewonnen Meisterschaften und dem Champions-League-Titel wären nicht möglich gewesen.

ZEIT ONLINE: Wer hat in der diesjährigen Relegation die besseren Chancen, Cottbus oder Nürnberg?

Raducanu: Das wird eine ganz spannende Angelegenheit. Nürnberg hat einen guten Charakter, und Marek Mintal ist sehr gut in Form. Ich würde den "Club" als Traditionsverein gerne in der ersten Liga sehen. Auf der anderen Seite finde ich es wichtig, dass ein Verein aus dem Osten dabei ist. Ich glaube, Energie wird es schaffen. Die sind diese Drucksituation gewöhnt, weil sie jedes Jahr gegen den Abstieg spielen.