Als der Club of Rome 1972 seinen Bericht "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlichte, dominierten linker Terror und Kalter Krieg die Sorgen der Deutschen. Eine Wirtschaftskrise derzeitiger Ausprägung war weit entfernt. Doch der Schweizer Club handverlesener Wissenschaftler thematisierte bereits vor 37 Jahren ein bis heute ungelöstes Problem: Wer darf für sich wie viel aus dem globalen Geld- und Warenfluss entnehmen – und was muss er im Gegenzug selbst einbringen?

Die Politik ist bis heute ratlos. "Welches Wachstum brauchen wir?", stellte die Bundeskanzlerin hilflos die Gegenfrage, nachdem 2008 das Versagen des Kapitalismus' transatlantischer Spielart zutage trat und weltweit der wirtschaftliche Abschwung einsetzte. Andere schwingen die Geißel gegen "raffgierige Manager", wie Finanzminister Steinbrück, weil auch sie keine Lösung haben.

Die Wirtschaftskrise verlangt eine Antwort auf eine Kernfrage unseres Miteinanders: Die nach dem rechten Maß. Am Pranger stehen jene, die sie nicht einmal stellten: Manager wie Ex-Postchef Zumwinkel beispielsweise, der trotz üppiger Vergütung massenhaft Steuern hinterzog. Die Kaste der Finanzmanager hat ein massives Imageproblem, seit ihr von Wetten und Optionen getragenes Rendite-Schlaraffenland Bankrott anmeldete. Mancherorts, wie in Frankreich, reagiert das arbeitende Volk und nimmt die Chefs in Geiselhaft. Studenten organisieren sich zur "Aktion Banküberfall", um der Forderung nach gerechter Verteilung Nachdruck zu verleihen.

Was in der Aufregung übersehen wird: Die Antwort auf die Frage nach dem rechten Maß, der Grenze zu Maßlosigkeit und Gier – sie muss zu allererst von jedem Einzelnen gegeben werden. Wissenschaftler und Politiker können niemandem vorschreiben, wie sie zu lauten habe. Zwar muss der Staat allgemein gültige Regeln finden. Er legt fest, wer wie viele Steuern zu zahlen hat, und er kann auch den Managergehältern Grenzen setzen. Doch wer nicht an die Berechtigung der Regeln glaubt, findet leicht Wege, sie zu umgehen. 

Zu Beginn des siebten Jahrzehnts seiner Existenz steckt das neue Deutschland in einem beschwerlichen Selbstfindungsprozess. Seit dem Mauerfall tasten sich die Bürger zu einem neuen, einheitsdeutschen Selbstverständnis vor. Der Untergang der DDR dokumentierte das Versagen der Planwirtschaft – jetzt bedarf auch der rendite- und multiplikationsfixierte Kapitalismus der Reformation.

Doch lässt sich in einer Gesellschaft überhaupt Maß halten, deren Wirtschaftsordnung auf Wachstum fußt, deren Motor die stetige Expansion ist? Wo beginnt schädliche Gier, wenn das "Immer mehr" als Tugend zählt? Bei 15 Prozent Rendite, bei 20 oder erst bei 25?

Die DDR-Sozialisten machten es sich einfach, auf diese Fragen zu antworten: Sie propagierten den Grundsatz, dass Geld verdienen nur durch Arbeit möglich sein sollte. Hinzu kam der Anspruch, Erwirtschaftetes umfassend der Allgemeinheit zuteil werden zu lassen. Das gewinnträchtige Verschieben von Geld oder Wertpapieren zählte nicht zum vorgesehenen Broterwerb. So verwerflich das Regime war und so verlogen seine Führung, so gut war diese soziale Grundidee.