Es geschah am helllichten Tag, mitten in Paris. Mehrere attraktive Models ließen alle Hüllen fallen und flanierten durch eine Straße nahe beim Centre Pompidou. Das Video Baby Baby Baby des Elektropop-Duos Make the girl dance  hat im Internet längst Kultstatus erlangt. In nur zwei Wochen sahen sich bereits rund vier Millionen Zuschauer die ungenierten Schönen an, deren Blößen notdürftig durch Zensurstreifen verhüllt sind. Dem wollten einige Männer nicht nachstehen und zogen sich zu einem parodistischen Loblied des Sängers Edouardo auf belgische Fritten aus  - ebenfalls mit großem Erfolg.  

Bilder nackter Menschen sind im digitalen Zeitalter ständig verfügbar und regen nach wie vor die Schaulust an. Sie werden beliebig manipuliert und über unzählige Kanäle weiterverbreitet. Sind die Models tatsächlich unbekleidet durch Paris gelaufen? Ob solche Videos Fälschungen sind oder nicht, spielt im Grunde keine Rolle. So oder so trifft ungebremster Voyeurismus auf hemmungslosen Exhibitionismus. In sozialen Netzwerken werden hoch private Informationen preisgegeben. In TV-Formaten wie Big Brother und Dschungelcamp kann jeder zum Zeugen für Selbstentblößung und -inszenierung werden. Die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit existieren nicht mehr, wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett  bereits in den 70er Jahren in Die Tyrannei der Intimität prophezeit hatte.

Wie sich der Umgang mit Nacktheit im Laufe der vergangenen 150 Jahre verändert hat, dokumentiert zurzeit die Fotoausstellung Nude Visions im Münchner Stadtmuseum. Frühe Aktmodelle im 19. Jahrhundert posierten stets in geschlossenen Räumen. Auch das Betrachten der Fotos war ein intimer Vorgang, an dem die Öffentlichkeit keinen Anteil nahm. Dargestellt wurde eine idealisierte Blöße, die sich an Vorbilder aus der Kunst anlehnte. Manche Fotos waren reine Pornografie und zur Befriedigung der Schaulust bestimmt. Anderen fehlte jegliche erotische Mehrdeutigkeit, sie sollten Malern bei anatomischen Studien helfen.

Als die Lebensreform-Bewegung die Nacktheit zum idealen Zustand des Menschen erklärte, posierten Aktmodelle auch vor Naturkulissen, die allerdings oft künstlich waren. Der junge Mann auf Rudolf Koppitz’ Foto Im Schoße der Natur von 1925 verharrt vor einem fernen Bergpanorama in einer zusammengekauerten Haltung, die an Gemälde des Ingres-Schülers Hippolyte Flandrin erinnert. Als Werbung für die Freikörperkultur entstanden aber auch Fotos, die nackte Menschen draußen in Bewegung zeigten. Im Zuge der 68er-Bewegung wurden diese Ideale später wiederbelebt. Als Besucher des Englischen Gartens in München alle Hüllen fallen ließen, war Nacktheit schließlich Teil des städtischen Lebens geworden.  

Aus Protest gegen gesellschaftliche Normen wurden Körper auch verfremdet und zu skurrilen Kunstobjekten stilisiert. Noch bevor Body-Art und Performances in den siebziger Jahren in Mode kamen, fotografierte Jan Mutsu 1955 in Japan einen Mann mit großflächiger Rückentätowierung. Künstlichkeit dominierte auch in der Glamourfotografie, die durch das Hollywood-Kino eine Blütezeit erlebte. Während des Zweiten Weltkriegs hefteten sich US-Soldaten Bilder leicht bekleideter Pinup-Girls in ihre Spinde. Diese Posen fanden in den Jahren danach ebenfalls ihre Liebhaber.

Einer der Stars, die durch besondere erotische Ausstrahlung faszinierten, war Marilyn Monroe, die für einen später millionenfach verkauften Kalender abgelichtet wurde. Kurz vor ihrem Tod fotografierte Bert Stern sie Anfang der sechziger Jahre für die mittlerweile legendäre Serie The last sitting. Vor ihren Körper hält die platinblonde Schauspielerin auf einem Foto einen transparenten Streifenschal, der ihre Blöße mehr betont als verhüllt.  

Auf Fotos von André Gelpke aus den siebziger Jahren verliert der Glamour dagegen durch die Tristesse des Hamburger Prostituiertenmilieus seinen Zauber. Die Stripperin Angélique aus dem Salambo trägt billigen Strassschmuck und dicke Schminke, ihr Gesichtsausdruck ist hart und desillusioniert. Gelpke wirft einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen der Reeperbahn, wo Träume keinen Platz haben.