Mehr als 300.000 Tamilen leben neun Tage nach dem Ende des Bürgerkriegs auf Sri Lanka in Auffanglagern. Soldaten bewachen die Lager im Nordosten der Insel, lassen niemanden hinaus und unterbinden den Kontakt der Bewohner nach draußen. Selbst zwischen einzelnen Lagerteilen gibt es Stacheldrahtzäune, den Menschen ist es verboten, sich Gegenstände zuzuwerfen, Essen oder Getränke zu teilen.

Ein großer Streitpunkt zwischen internationalen Organisationen und der Regierung in Colombo ist, wie lange die Lager bestehen bleiben. Zurzeit ist eine Rückkehr der Menschen in die ehemalige Kampfzone nicht möglich. Bis zu einer Million Anti-Personen-Mienen und Sprengfallen vermuten Experten in den zerstörten Dörfern, auf Feldern und Pfaden.

Während des mehr als 25 Jahre dauernden Bürgerkriegs haben die Armee Sri Lankas und die tamilische Rebellenorganisation LTTE wenig Rücksicht auf Zivilisten genommen. Sie setzten Landminen, Granaten und Bomben auch in bewohnten Gebieten ein. Die Tamil Tigers haben bis kurz vor ihrer Niederlage Zivilisten als lebende Schutzschilde benutzt. Die Armee habe dennoch mit Artillerie und Kampfflugzeugen die Gebiete angegriffen, in denen die Terroristen Unterschlupf gesucht haben, sagt ein Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation. "Die LTTE hat auf Flüchtlinge geschossen, um zu verhindern, dass Zivilisten das Kampfgebiet verlassen." Der Name des Helfers soll nicht veröffentlicht werden, weil seine Organisation weiterhin ohne Einschränkung in der Region arbeiten können muss.

Er hat von zahlreichen Kriegsverbrechen der tamilischen Rebellen erfahren. "Die LTTE-Kämpfer haben einer Familie das zwölfjährige Kind weggenommen und eingesperrt, um die Eltern zu zwingen, in der gefährlichen Region zu bleiben", sagt der Mann. In den Flüchtlingslagern seien viele Menschen mit schweren Wunden, die durch Artilleriegranaten und Bomben der Armee verursacht wurden.

Im UN-Menschenrechtsrat gab es dennoch am Mittwoch keine Mehrheit für eine Untersuchung der Kriegsverbrechen beider Konfliktparteien. Die Regierung Sri Lankas setzte mithilfe Chinas und Indiens durch, dass ausschließlich die Vergehen der LTTE untersucht werden.

Die deutsche Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sagte am Donnerstag, der Menschenrechtsausschuss habe seine Aufgabe verfehlt. "Die Verbrechen des Bürgerkriegs müssen untersucht werden. Das ist von zentraler Bedeutung, um künftige Verbrechen, die die Zivilbevölkerung treffen, zu verhindern – nicht nur in Sri Lanka, sondern auch weltweit", forderte die Ministerin. "Die Schuldigen müssen verurteilt werden." Die internationale Gemeinschaft müsse sich jetzt um die vielen Flüchtlinge kümmern.

Der Konflikt bleibt in den Köpfen, die Regierung mache einen Fehler, die Minderheit der Tamilen in Lager zu stecken, sagt auch der Mitarbeiter der großen internationalen Hilfsorganisation. "Die Tamilen werden von der Regierung weggesperrt, das ist eindeutig." Der ethnische Konflikt zwischen Singalesen und Tamilen bleibe so ungelöst. Die Singalesen stellen 74 Prozent der Bevölkerung – die Tamilen machen etwa zwölf Prozent aus. Für eine dauerhafte Beilegung des Konflikts zwischen beiden Bevölkerungsgruppen brauche es weitere Zugeständnisse der sri-lankischen Regierung.