Kharim freut sich, weil hier in der Wüste das Paradies ist. Kharim fährt Taxi, kutschiert Gäste ins Paradies und gondelt sie wieder raus. Er arbeitet von 9 bis 9. Manchmal streichelt er zwischendurch vor Freude die graue Limousine.

Für viele ist El Gouna ein idyllischer Ferienort, Skeptiker nennen Kharims Paradies Retortenstadt. Nördlich des ägyptischen Touristenzentrums Hurghada leben hier 15.000 Menschen. Seit der Spätantike gab es an diesem Küstenabschnitt nichts außer Wüste, Meer und Strand. Dann, vor genau 20 Jahren, hatte Samih Sawiris, Sohn der reichsten Familie Ägyptens, eine Idee: Mal eine Stadt in die Wüste bauen.

Zuerst erschuf sich der Mann, der angeblich immer lächelt, seine eigene Villa am Meer, dann ein Hotel, dann zwei, dann drei. Es folgten Flughafen, Schule, Krankenhaus, Moschee, Universität, Kirche, Bibliothek, Radiosender. Dort eine Straße mit Geschäften und Villen, da ein Viertel für Angestellte, hier ein Fußballplatz. Wer jemals Die Siedler gespielt hat, glaubt in El Gouna (arabisch: die Lagune) Teil des Brettspiels zu sein.

Viele Gebäude plante der Disney-World-Architekt Michael Graves für Sawiris Betreiberfirma Orascom: Säulen, dick, dünn, Bögen, etliche Freiräume. Wände in Pastelltönen – die verschiedenen Architekturstile fügen sich harmonisch zusammen. Erstklassig, beinahe original wirkt alles. An die andere, bekanntere Wüstenstadt Dubai erinnert in El Gouna nicht viel: Kein Haus hat mehr als drei Etagen. Dafür fließt das Wasser in künstlichen Meeresarmen an fast jeder Villa vorbei. Zwischendrin steht das "Schildkrötenhaus" eines sächsischen Künstler, das so aussieht, wie es heißt. Sawiris gab dem Designer die Chance, seine Vorstellungen von organischer Architektur umzusetzen.

Nichts von all dem, was Kharim täglich im Taxi umkurvt, war von Natur aus da. Aber so viel künstlich anzulegen ist schon eine Kunst für sich. Und El Gouna wächst. Jedes Jahr werden neue Villen erst verkauft, dann gebaut. Die Straßennamen heißen Phase 1 Villen, Phase 2 Villen, Phase 5 Villen. Die Mitarbeiter pflanzen immer neue Palmen in den Sand, heben neue Fundamente aus, bauen Brücken, unter denen sich dann die künstlichen Lagunen schlängeln. Die Stadt frisst sich in die Wüste.

Mark Twain berichtete 1869 nach einem Besuch in Ägypten, er sei froh gewesen, "die Mutter der Zivilisation" kennengelernt zu haben. Vielleicht ist El Gouna das Produkt einer neuen Zivilisationsstufe. Ergebnis einer Entwicklung, die der Kapitalismus ermöglichte, in der aber nicht jeder Vermögende entscheiden darf. Die Staatsform im Paradies sei eine "geleitete Demokratie", sagt ein Orascom-Mitarbeiter. Es ist nicht wie in der 25 Kilometer entfernten Bettenburg Hurghada, wo sich jeder, der Geld für einen hässlichen Hotelklotz hat, auch einen Hotelklotz baut. Das Zivilisationsprodukt El Gouna besteht aus vielen Millionären, kennt aber nur einen Schöpfer: Samih Sawiris ist die Stadt.