Frage: Herr Müntefering, dürfen wir gratulieren?

Franz Müntefering: Gern, und zwar am Abend des 7. Juni zum Erfolg der SPD bei der Europawahl.

Frage: Wir meinten eigentlich etwas anderes.

Müntefering: So? Was denn?

Frage: Den Umstand, dass die Niederlage Ihrer Kandidatin Gesine Schwan bei der Wahl des Bundespräsidenten wegen des Ringens um die Opel-Rettung so schnell in Vergessenheit geraten ist.

Müntefering: Niederlage?

Frage: Sie wollen sagen, das war keine Niederlage?

Müntefering: Das war ein knapper Sieg des Bundespräsidenten. Als Demokraten akzeptieren wir das und haben ihm gratuliert. Und Gesine Schwan hat unseren großen Dank. Sie hat mit ihren Debattenbeiträgen ein gutes Zeichen gesetzt: Demokratie braucht Alternativen. Sie hat knapp verloren.

Frage: Gesine Schwan fehlten zehn Stimmen aus den Fraktionen von SPD und Grünen. Kann man da von knapp sprechen?

Müntefering: Horst Köhler hat im ersten Wahlgang mit einer Stimme Mehrheit gewonnen. Dabei blieb unklar, ob sein eigenes Lager komplett zu ihm stand. Was andere, weitere Wahlgänge gebracht hätten, weiß kein Mensch.

Frage: Welche Rolle wird Frau Schwan in der SPD in Zukunft spielen?

Müntefering: Auch nach der Bundestagswahl werden wir uns mit dem Wandel und der gesellschaftlichen Gestaltung unseres Landes auseinandersetzen. Die Frage, wie wir leben wollen im neuen Jahrzehnt, steht ganz oben auf der Tagesordnung. Gesine Schwan hilft uns, jenseits der Tagespolitik die langen Linien unseres Handelns im Blick zu behalten. Ihre Arbeit in der SPD-Grundwertekommission ist und bleibt sehr wichtig für uns.

Frage: Herr Müntefering, warum kann Deutschland nicht auf einen mäßig erfolgreichen Autohersteller wie Opel verzichten?

Müntefering: Deutschland ist ein Industrieland und muss das auch bleiben. Wir müssen dafür sorgen, dass in der Krise die Arbeitsplätze nicht für immer verloren gehen. Was De-Industrialisierung bedeutet, haben wir nach dem Zusammenbruch der DDR erleben müssen. Da ist viel plattgemacht worden. Wer das einmal verliert, kriegt das nur schwer wieder zurück.

Frage: Viele Betriebe im Osten waren schlicht nicht überlebensfähig.

Müntefering: Opel ist aber leistungsfähig. Wir kämpfen nicht für irgendein Phantom, sondern für eine realistische Perspektive. Da müssen wir nun den Atem haben, für einen gewissen Zeitraum zu stabilisieren und Brücken zu bauen. Dann wird da auch neues Wachstum entstehen. Wenn man Opel kaputtgehen ließe, würden wir an den Produktionsstandorten vier riesige Krater aufreißen. Es würden 140 000 bis 150000 Arbeitsplätze vernichtet. Das würde die Wachstumsraten der kommenden Jahre deutlich nach unten drücken.

Frage: Würde die deutsche Autoindustrie ohne Opel zusammenbrechen?

Müntefering: Gegenfrage: Sollen wir deshalb auf einen zukunftsfähigen Teil unserer Industrie verzichten? Wem wollen Sie denn das erklären? Opel hat darunter gelitten, dass die Mutterfirma in den USA offensichtlich schlecht geführt war und Geld abgezogen und verbraucht hat, das in den innovativen Werken Europas verdient wurde und dort auch gebraucht wurde. Also warum diese Industrie und ihre Arbeitsplätze kaputt gehen lassen?