Zugegeben, die Geschichte klingt wie ein Klischee, sie ist abgedroschen und kitschig, dass es beinahe peinlich ist, sie aufzuschreiben, aber das Problem ist: Die Geschichte von Frank Stronachs märchenhaftem Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär ist kein Hirngespinst eines amerikanischen Hollywood-Autors, sondern sie stimmt.

1954 war der damals 22-jährige Stronach, zu dieser Zeit hieß er noch Franz Strohsack, aus der Steiermark in Richtung Nordamerika ausgewandert. Mit nur ein paar Dollar in der Tasche und einer abgeschlossenen Werkzeugmacherlehre schlug er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durch: Er war tatsächlich Tellerwäscher, er sammelte auf Golfplätzen Bälle ein, dann mietete er sich eine Garage, in der er kleinere Aufträge für die Automobilindustrie erledigte. 1957 gründete er seine erste Firma, die 1969 nach der Fusion mit Magna Electronics ihren noch heute gültigen Namen bekam: Magna International.

Damals war "International" noch etwas anmaßend. Heute ist es das nicht mehr: Rund 74.000 Menschen arbeiten mittlerweile weltweit für den Konzern, sie arbeiten in 25 Ländern an 240 Standorten und sie erwirtschafteten zuletzt einen Jahresumsatz von 20 Milliarden Dollar. Durch die Übernahme von Opel werden da jetzt wohl noch ein paar Euro dazu kommen.

Mit 76 Jahren hat sich Stronach nun einen Lebenstraum erfüllt, weil er mit dem Einstieg bei Opel zum "Original Equipment Manufacturer" aufsteigt.

Was für ein Typ ist Stronach?

Anfang der 90er Jahre begann Stronach, sich wieder verstärkt in seiner alten Heimat umzutun. Die österreichische Sozialdemokratie hatte den erfolgreichen Selfmademan mit österreichischen Wurzeln entdeckt und ihn mit allerlei Steuergeschenken zurückgelockt: Tatsächlich hat Magna International nun am Stadtrand von Wien die Konzernzentrale für Europa aufgebaut.

Und seit damals sind Interviews mit Stronach – vor allem in Radio und Fernsehen – ein beliebtes Ziel für den Spott österreichischer Kabarettisten: Nicht nur, dass Stronach durch seine vielen Jahre in Nordamerika ein Deutsch spricht, das stark an Arnold Schwarzenegger erinnert, er sagt tatsächlich gerne reichlich absurde Sätze. So wollte er Österreich mal mit einigen Sponsormillionen zum Fußball-Weltmeister 2010 machen. Als er Ende der 90er Jahre beim Wiener Traditionsverein Austria einstieg, faselte er davon, mit Austria die Champions League gewinnen zu wollen. Einige seiner Sätze sind mittlerweile ins österreichische Allgemeingut eingegangen, zum Beispiel sein wirtschaftliches Leitmotiv "Kratz mir meinen Rücken und ich kratz dir deinen" – Stronachs Übersetzung für: "Eine Hand wäscht die andere". Oder auch die legendäre Antwort auf die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolgs: "Ich lebe nach der Goldenen Regel: Wer das Gold hat, macht die Regeln. Und ich habe das Gold."

Bei Stronach wisse man nie genau, ob er nun ein Genie sei oder doch ein Wahnsinniger – diese These hat das kanadische Magazin Mc Lean’s mal über den Austrokanadier aufgestellt, und die Analyse stimmt auch heute noch. Viele seiner Ansichten und Aussagen klingen so banal, wie sich sonst nur ziemlich einfache Gemüter das raue Wirtschaftsleben vorstellen.

Doch unbestritten ist, das Stronach damit Erfolg hat. Und in jedem Fall ist er durchaus flexibel. Als Stronach nach Österreich zurückkehrte, kam er anfangs mit dem Modell einer Sozialpartnerschaft und der Macht der Gewerkschaft nicht zurecht. "Ich war selbst Arbeiter, also weiß ich, was ein Arbeiter braucht", sagte er einmal und wollte deshalb in seinen Werken Betriebsräte verhindern. Gewerkschaften waren anfangs für ihn "Affen auf den Rücken der Arbeiter", er verglich sie mit der "Mafia", an die "Schutzgeldzahlungen" zu leisten seien. Eine Mitarbeiterin, die einen Betriebsrat gründen wollte, wurde aus der Firma entlassen und erst nach gewaltigen Protesten wieder eingestellt. Mittlerweile hat sich Stronach mit der österreichischen Realität gut arrangiert. Der Gewerkschaftsbund lobt heute die angemessene Entlohnung in den Magna-Werken, das funktionierende System von Mitarbeiterbeteiligungen und auch die soziale Ausstattung der Betriebe.

Wie ist er politisch vernetzt?

Seit seiner Rückkehr nach Österreich umgibt er sich mit einem Netzwerk einflussreicher Personen aus der heimischen Spitzenpolitik. So machte Stronach etwa den ehemaligen sozialdemokratischen Bundeskanzler Franz Vranitzky 1997 nach seinem Ausscheiden aus der Politik zum Aufsichtsrat von Magna International. Neben ihm arbeiten noch jede Menge andere Ex-Funktionäre der Sozialdemokratie für Magna. Aber auch für Politiker anderer Couleurs wurde Magna nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik zu einer Anlaufstelle – der ehemalige FPÖ-Finanzminister Karl-Heinz Grasser arbeitete genauso für Magna wie sein Parteifreund Peter Westenthaler. Aber auch konservative Politiker der ÖVP waren und sind bei Magna engagiert.

Stronach profitiert von diesem Netzwerk schon seit Längerem. So konnte Magna 1998 relativ billig die Mehrheit am staatsnahen Steyr-Puch-Konzern erwerben, mittlerweile ein integraler Bestandteil des Konzerns. Immer wieder kassierte Magna großzügige Förderungen von Bund und Ländern für Betriebsansiedlungen in Österreich. Und auch beim Wettbieten um Opel werden die guten Kontakte zur Spitzenpolitik kein Nachteil gewesen sein. Es ist kein Geheimnis, dass dabei jede Menge Kontakte über den Ex-Kanzler Vranitzky gelaufen sind. Er soll vor allem die Verbindung zu Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) aufgebaut haben.

Zu welchem politischen Lager Stronach in Österreich gehört, ist nicht so einfach zu sagen. Nur in Kanada ist seine Einstellung bekannt: Ende der 80er Jahre hatte er dort mit dem für ihn typischen Slogan "Let’s be Frank" – "Seien wir ehrlich" – für die Liberalen kandidiert. Relativ ungeniert hatte er damals Wahlveranstaltungen in seinen Betrieben abgehalten und Lieferanten um Wahlkampfspenden gebeten – durchaus mit dem Versprechen für zukünftige Aufträge. Im Wahlkampf scheiterte er dabei grandios gegen einen vermeintlich biederen Augenoptiker. Seine Tochter Belinda machte es da schon besser: Sie kandidierte zunächst für die kanadischen Konservativen und wurde dann von den Liberalen zur Ministerin für Staatspersonal berufen. Ihren Regierungssitz verlor sie zwar bei den darauffolgenden Wahlen, schaffte als liberale Kandidatin dann aber zumindest den Sprung ins Parlament.

Welche Verbindung hat er nach Russland?

Auf dem russischen Markt ist Frank Stronach schon seit 2001 aktiv. Aus eben dieser Zeit rührt auch die Freundschaft mit einem Mann, der sein Sohn sein könnte: Oleg Deripaska, 41 Jahre. Auch hier spielte Vranitzky eine wichtige Rolle, weil er Stronach gleich, als Putin 2000 russischer Präsident wurde, zum Einstieg in das Russlandgeschäft ermuntert hat. Deripaska hatte 2007 zwar 20 Prozent der Anteile von Stronachs Magna übernommen, musste sie jedoch nur knapp ein Jahr später wieder abstoßen. Noch im April 2008 vom US-amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes mit einem geschätzten Privatvermögen von 40 Milliarden Dollar als reichster Mann Russlands gelistet, hatte er sich verzockt und ist auch durch die Finanzkrise hoch verschuldet. In eine bedenkliche Schieflage kam dabei auch Deripaskas Autohersteller GAZ in Nischni Nowgorod. Der Absatz brach bei GAZ allein in den ersten vier Monaten 2009 um fast 60 Prozent ein. Die Belegschaft – um die 70.000 Mitarbeiter – macht Kurzarbeit oder unbezahlten Urlaub.

Das könnte sich aber vielleicht bald ändern. An der Wolga sollen künftig Opel von den Montagebändern bei GAZ rollen. Denn Stronach will die Zukunft russischer Automobilbauer sichern. Das jedenfalls soll Stronach Premier Wladimir Putin erst Mitte Mai ausdrücklich zugesagt haben. Beide kennen sich und ihre Interessen ergänzen sich in geradezu idealer Weise. Stronach wird nachgesagt, er träume seit Langem den Traum von einer eigenen Automarke. Putin dagegen hat die Modernisierung der russischen Autoindustrie zur Chefsache erklärt und russische Unternehmen ausdrücklich zum Kauf europäischer Traditionsmarken ermuntert.

Da Deripaska selbst momentan kein Geld hat, holten er und Stronach die vom Staat kontrollierte Sberbank dazu. Sie ist die mit Abstand größte russische Bank und auch der wichtigste Gläubiger Deripaskas. Die Sberbank fuhr trotz Kreditausfall im vergangenen Jahr noch 2,5 Milliarden Euro Gewinn ein. Die Kurse ihrer Aktien haben an russischen Börsen inzwischen nahezu wieder das Niveau von September erreicht – auch dank der Verhandlungen um Opel. Die Sberbank müsse allerdings eine Kreditlinie von zumindest drei Milliarden Euro eröffnen, mutmaßen russische Experten, um den Deal zum Erfolg zu führen. Sberbank-Vorstandschef German Gref, der von 2000 bis 2007 russischer Wirtschaftsminister war und deutsche Vorfahren hat, soll sich dazu bei Putin bereits die Erlaubnis geholt haben.