Die Briten haben ihren Ruf als nörgelnde, unwillige Europäer nun mal weg. Daran lässt sich nichts ändern. Weshalb eine weitere, miserable Wahlbeteiligung bei den Europawahlen dieses Jahres anderswo in der EU als Bestätigung dieses Rufs empfunden werden dürfte. In der Tat wird es schwerfallen, in Großbritannien einen Wähler zu finden, den bei der Stimmabgabe freundliche Gefühle für Brüssel und die EU umtreiben.

Doch bevor man sich irgendwo in Europa über die ewigen Verweigerer auf der Insel mokiert, sollte man eines nicht vergessen: In der übrigen  EU sieht es durchaus ähnlich aus. Europa war von Beginn an ein Eliteprojekt, das sich eher selten, und dann vor allem in Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs, breiter Wertschätzung der Völker erfreute.

Viele Regierungen wussten, warum sie es vorzogen, das Mittel des Referendums gar nicht - wie in Deutschland - oder höchst sparsam, wenn es gar nicht anders ging, einzusetzen. Man wollte sich unangenehme Überraschungen ersparen. Man denke nur an das Nein von Franzosen und Holländern im Jahr 2005 gegen den europäischen Verfassungsvertrag, durch den die EU in eine tiefe Krise stürzte, die noch immer nicht ganz gelöst ist.

Die Briten dürften diesmal sogar für eine Überraschung sorgen: Die Wahlbeteiligung wird wahrscheinlich spürbar über der üblichen Quote von nur rund 30 Prozent liegen. Doch wäre es töricht, daraus auf ein erstarktes Interesse an der EU oder gar dem ungeliebten Europaparlament zu schließen, von dem niemand so recht weiß, warum es überhaupt existiert. Die extrem großzügige Bezahlung der Europaparlamentarier dürfte zum Thema gemacht werden, wenn die Erregung über das Spesengebaren der nationalen Parlamentarier abgeklungen ist.

Nein, die Briten werden das Gleiche tun wie viele andere Nationen und die Europawahl zu einem Protest nutzen - gegen die schamlose politische Klasse, die mit "der Schnauze im Trog" erwischt wurde, gegen die Labour-Regierung, der man die ökonomische Krise und so manches mehr, allen voran die unkontrollierte Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre, anlastet und derer man ohnehin, nach zwölf Jahren im Amt, von Herzen überdrüssig ist.