So geht es auch nicht um eine Abschaffung des Kapitalismus, sondern um seine Neuschöpfung, die Wirtschaft mit Werten verknüpft. Die entscheidenden Fragen: Ist normativ richtiges Handeln ein wesentlicher Faktor des Marktverhaltens geworden? Gibt es einen von gesellschaftlichen Veränderungen mitbestimmten, symbolischen und strukturellen Wandel des Marktes? Nähern sich die Rollen von Bürger und Konsument in einer veränderten Marktgesellschaft an? Kommt es, parallel zur oft beklagten Ökonomisierung der Politik, nun zu einer Demokratisierung des Marktes?

Ohne Intervention von außen ist der Markt nicht in der Lage, wirtschaftliche Prozesse angemessen zu regeln – zum Beispiel findet er keine Antwort auf die Frage, ob Arbeiter anständig behandelt werden oder ob die Herstellung bestimmter Güter die Umwelt zu sehr belastet. In vergangenen Epochen konnten die Konsumenten darauf keinen Einfluss nehmen. Sie waren lediglich in der Lage, das Ergebnis von wirtschaftlichen Prozessen anzunehmen (Produkte zu kaufen) oder zurückzuweisen.

Heute ist das anders. Wenn die Deckung der Grundbedürfnisse für die Konsumenten nicht mehr ausschlaggebend ist, ihre Einkommen aber ungleich größer, und wenn kulturelle Komponenten verstärkt in ökonomische Prozesse hineinspielen, dann helfen die traditionellen, eng umrissenen ökonomischen Sichtweisen auf den Markt nicht weiter. Heute beeinflussen die Konsumenten durch ihre Kaufentscheidungen den Produktionsprozess. Zum Beispiel entscheiden sie mit über die Art der Ressourcen, die zur Produktion einer Ware verwendet werden.

Die Folgen: Die Macht auf den Märkten verlagert sich, Produktionsprozesse werden wichtiger als die Produkte selbst. Das deutet darauf hin, dass die Märkte demokratischer werden. Ökonomische Mechanismen werden jedoch nicht außer Kraft gesetzt.

Auch sind nicht alle Märkte gleich. Einige Märkte sind stärker betroffen als andere, manche schwieriger zu beeinflussen, etwa die Finanzmärkte – obwohl auch hier bereits seit Längerem interessante Verschiebungen, etwa hin zu sogenannten ethischen Fonds, zu beobachten sind. Gerade die bislang resistenten Märkte sehen sich jetzt dem stärksten Regulierungsdruck ausgesetzt.

Es ist nicht die Moralisierung der Märkte, die für die Finanz- und Wirtschaftkrise verantwortlich ist. Verantwortlich ist das ökonomisch rationale Verhalten vieler Marktakteure. Aus ihrer jeweiligen Sicht haben Hauskäufer, Banker, Geschäftsleute, Anleger und Konsumenten wirtschaftlich rational gehandelt. Gesamtwirtschaftlich jedoch war ihr Handeln nicht unbedingt zielführend. Deshalb liegt die Lösung der gegenwärtige Krise in der Überwindung überkommener Verhaltensweisen der Marktteilnehmer.

Nico Stehr ist Karl-Mannheim-Professor für Kulturwissenschaften, Marian Adolf wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zeppelin University in Friedrichshafen.