Dass Joachim Löw ein vielseitig interessierter und beschlagener Mann ist, war schon lange bekannt. Deshalb konnte es auch nicht überraschen, dass sich der Bundestrainer auf dem neunstündigen Flug von Shanghai nach Dubai in über 10.000 Meter Höhe als Fachmann im erweiterten Bereich der Medizin profilieren konnte.

Auf einem improvisierten Presse-Briefing im Airbus 340, den der DFB für das Team und seine Begleiter gechartert hatte, war der Bundestrainer in weißem Polohemd, schwarzer Trainingshose in die hinteren Reihen zu den Journalisten gekommen. Das angewinkelte rechte Bein samt blitzeblankgeputztem Schuh lässig auf einer Armlehne abgestellt, erteilte er zunächst Auskunft über das Wesen des Jet-Lags – eines Phänomens, das nach übereinstimmender Meinung der Beobachter großen Anteil an der über weiten Strecken müden Leistung seines Teams gegen China hatte: "Bei einem Zeitunterschied von sechs Stunden reagiert der Körper meist erst am zweiten oder dritten Tag", sprach Löw. Also gewissermaßen exakt zum Anpfiff der Partie gegen China, rechneten seine Zuhörer im Stillen nach. So stellt man sich die Planung einer Länderspielreise vor: das erste Spiel exakt zum Augenblick maximaler körperlicher Erschöpfung.

Auch wurde Dr. med. Löw nach Maßnahmen gefragt, mit denen er und die Mannschaft den extremen Witterungsbedingungen in Dubai zu begegnen gedächten. Löws Antwort war so knapp und präzise wie seine hoch-gerühmten taktischen Anweisungen vor dem Spiel: "Sonne meiden, viel trinken, viel Ruhe." Nun, man kann nur hoffen, dass die spielstrategischen Vorgaben leichter umgesetzt werden können, als jene, mit denen er das atemraubende Klima auszuspielen gedenkt. Denn bei der Ankunft der Mannschaft, 18 Uhr Ortszeit, zeigte das Thermometer eine Außentemperatur von 42 Grad im Schatten, bei einer Luftfeuchtigkeit von nahe an 100 Prozent.

Auf dem Plan des Teams für die nächsten Tage standen zu dieser Zeit neben dem Spiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate (Anpfiff Dienstag, 22 Uhr Ortszeit) auch zwei Trainingseinheiten jeweils am frühen Abend. Noch am Gepäckband wurde gemutmaßt, dass Löw seine Spieler vermutlich höchstens ein Mal zum Üben ins Freie schicken würde. Und wenn, dann eher zu nächtlicher Stunde. Viel wahrscheinlicher schien die Variante: leichte Trainingsdosierung (viel Ruhe!) bei fließendem Wasser (viel trinken!) im Fitnessbereich des Hotels (Sonne meiden!). So stellt man sich die Planung einer Länderspielreise vor: Anpfiff des zweiten Matches in der bekanntermaßen heißesten und luftfeuchtesten Periode des Jahres am Spielort. Im wunderbar temperierten Airbus bemerkte Löw dazu: "Ich denke, dass das Spiel bei 40 Grad noch einmal ein immenser Kraftakt wird. Trotzdem werden wir versuchen, ein besseres Spiel zu machen als gegen China".

Alle redeten dann auch am folgenden Tag fast nur vom Wetter. Vom heißesten Mai seit fünfzehn Jahren berichteten die einheimischen Medien – und widmeten dem Thema Temperatur ganze Leitartikel nebst ausführlichen Ratschlägen für einen angemessenen Umgang mit der Hitze. Gegen Mittag kamen ähnliche Ratschläge im wunderbar klimatisierten Raum des Hotels in Dubai vom deutschen Teamarzt, dem Internisten Tim Meyer. Professor Meyer, ein besonnener Charakter mit keinerlei Neigung zum Superlativ, führte aus, dass die hier im Wüstenstaat herrschenden Bedingungen, die extremsten seien, die er in seiner achtjährigen Amtszeit beim DFB erlebt hat: "Wir waren darauf vorbereitet, aber es sind extreme Voraussetzungen", sagte Meyer. Hätte man sich komplett an das hiesige Klima adaptieren wollen, wären mehrere Wochen verstrichen: "Aber schon eine Woche hätte viel gebracht."

Nun hat man 72 Stunden, es gelte vor allem, "den Flüssigkeitshaushalt zu perfektionieren". Dann präzisierte Meyer die Löwsche Faustformel vom "viel Trinken": Bis zu maximal 1,5 Liter Flüssigkeitsaufnahme sei man während eines Spiels in der Lage, fast 3,5 Kilo Gewichts- oder Flüssigkeitsverlust könnten dem entgegenstehen. Dies gelte es nach dem Spiel "komplett wieder auszugleichen". In den ersten Stunden werde dies durch das herrschende Durstgefühl fast automatisch reguliert, dann jedoch müsse auch gegen die Bedürfnisse nachgeschüttet werden. Gewissermaßen über den Durst hinaus. Die Vorsorgemaßnahmen jedoch beginnen bereits in den Tagen davor. Drei Liter Flüssigkeit täglich sollte jeder Spieler aufnehmen, "inklusive Kaffee" (Meyer).

Auch auf Löws Empfehlung "Sonne meiden!" ging Meyer ein und gab dem Bundestrainer mit den Worten des Mediziners Recht: "Die Exposition gegenüber der Sonne sollte reduziert werden", erläuterte der Internist, das Unvermeidliche müsse in einem kurzfristigen Gewöhnungsprozess geleistet werden. Dazu wurde dann auch für den Abend, 20 Uhr Ortszeit, ein Training anberaumt. An jenem wird, auf eigenen Wunsch, Teammanager Oliver Bierhoff teilnehmen.

Bierhoff, in seiner aktiven Zeit nicht eben in die Kategorie Laufwunder einzuordnen, sprach also aus Erfahrung, wenn er den aktuellen Nationalspielern "besonders gutes Stellungspiel" empfahl: "damit unsere Spieler nicht so viel laufen müssen". Dem Mann mit den meisten Länderspielen im Kader, Bastian Schweinsteiger, der am Dienstag die Mannschaft das erste Mal als Kapitän aufs Feld führen wird, war es vorbehalten, die anhaltende Klimadebatte in den Kontext des fußballerischen Wertesystems zu stellen: "Es ist immer eine Ehre, zu Länderspielen eingeladen zu werden, da ist es völlig egal, wo man spielt, ob in Dubai, in Frankreich, oder in Alaska." Sollten sie beim DFB tatsächlich eine Länderspielreise in diese Regionen planen, um, wie in Asien "Werbung für den deutschen Fußball" zu machen, sollte man den Norden aussparen. Dort herrschen im Mai Temperaturen von minus 3.9 Grad Celsius. Im Durchschnitt.