Hauptrolle in Neukölln – Seite 1

 "Ich möchte einfach, dass die Kids sagen: Ey guck mal, den kenne ich, das ist doch Hüseyin. Der war richtig scheiße damals, aber der hat was aus sich gemacht." Hüseyin Ekici erzählt stolz, wie vor einigen Tagen Schüler der Rütli-Schule die Theaterproben besucht und ihn danach interviewt haben. "`Ey großer Bruder, das will ich auch mal schaffen´, hat einer zu mir gesagt."

Hüseyin spielt die Hauptrolle in dem Theaterstück Arabboy, das am Freitag Uraufführung in Berlin-Neukölln hat. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman der ehemaligen Sozialarbeiterin und ZDF-Redakteurin Güner Balci, der im letzten Herbst erschienen ist.

Darin geht es um die Geschichte von Rashid A.  Der in Berlin-Neukölln geborene Sohn eines libanesischen Kurden und einer Palästinenserin nannte sich selbst im Chatroom Arabboy. Das Buch zeichnet einige Monate seines Lebens nach, in denen er in eine Spirale aus Drogen, Sex und Gewalt gerät. Die Autorin beschreibt Vorurteile über Jugendliche mit Migrationshintergrund ebenso wie die Resignation vieler Menschen in Neukölln.

Soziale Verwahrlosung, Kriminalität und die gescheiterte Integration von Menschen aus 163 Nationen sind Teil des Alltags im Südosten Berlins. 300.000 Menschen leben hier – jeder Vierte ist arbeitslos, in manchen Gegenden liegt der Ausländeranteil bei 40 Prozent, vor vielen Schulen patrouillieren private Wachschützer.

"Ich wollte die Rolle gleich haben: Es geht um Neukölln, es geht um die Wahrheit", sagt Hüseyin. "Manches ist vielleicht Klischee, aber ich meine, wenn du diese Hoffnungslosigkeit pur erlebst und diese Gewalt… Es gibt welche, die knallen andere ab, weil sie Bock darauf haben. Es gibt Leute, die im Knast sind und trotzdem Respekt bekommen. Wenn man hier groß wird, weiß man, die Geschichte ist nicht übertrieben. "

Hüseyin ist knapp 1,90 Meter groß und durchtrainiert, hat schwarze kurze Haare und einen fein getrimmten Bart. Alle zwei Tage geht er ins Fitnessstudio. Das machen fast alle Jungs, die er kennt, sagt Hüseyin, der bei seiner Mutter lebt. Als er klein war, haben sich seine Eltern getrennt.

Die Lebensgeschichte von Rashid habe ihn beeindruckt, sagt Hüseyin. "Ich habe einen Freund, der hat das auch erlebt. Für jemanden zu arbeiten, in die Scheiße zu geraten…" Der Kumpel ist ins Gefängnis gekommen, weil er einen anderen zusammengeschlagen hat, der wiederum seine Mutter beleidigt hat. "Und ein anderer Freund von mir, der viel schlauer ist als ich, der tickt jetzt. Der hat sogar fast einen Realschulabschluss gekriegt. Weil er einmal im Knast war, bekommt er keine Chance mehr. Der muss jetzt irgendwie sein Geld verdienen."

Die 1975 geborene Autorin von Arabboy Güner Balci ist Kind einer türkischen Einwandererfamilie und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Neukölln. Neben ihrem Pädagogik-Studium arbeitete sie ehrenamtlich als Sozialarbeiterin in einem Neuköllner Jugendfreizeitclub. "Ich habe mit ansehen müssen, wie Menschen zerstört wurden. Und sich selbst zerstörten", sagt Güner Balci.

Die Erfahrungen, die sie dort sammelte, verarbeitete sie in ihrem Roman und vermischte sie mit denen von Freunden und Bekannten, mit Geschichten, die man sich im Viertel erzählt, mit Gesehenem und Gefühltem.

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In ihrem Verlag hat sich Güner Balci dafür eingesetzt, dass das Theaterstück Arabboy im Saalbau Neukölln uraufgeführt wird. Sie glaubt, dass sich viele Schulklassen das Stück anschauen werden. "Für viele Jugendlichen aus den Hauptschulen ist Theater etwas sehr abstraktes, es ist vielleicht das erste Mal, dass ihr Milieu in einem Theaterstück vorkommt und überhaupt in der deutschen Gesellschaft eine Rolle spielt." Zusammen mit dem Neuköllner Komiker Kurt Krömer hat sie die Schirmherrschaft über den "Heimathafen Neukölln" übernommen. Dahinter stehen zehn junge Frauen, die einen alten Theatersaal mit neuem Leben füllen wollen, mit Kultur aus und über Neukölln - in Revuen, Kieztouren und mit Volkstheater. "Das ist etwas Besonderes, weil es so wenig gibt, was die Lebenswelt der Menschen repräsentiert, die hier leben", sagt Güner Balci.

Von seinen Freunden war fast noch keiner im Theater, sagt Hüseyin. Er hat sie zur Premiere am Freitagabend eingeladen. Und er hofft, dass auch seine ehemaligen Lehrer kommen, die ihm prophezeiten, dass er ein Versager werde. Für die jüngeren Schüler möchte er ein Vorbild sein. "Ich hatte damals keine Hoffnung - habe gerade so den Hauptschulabschluss geschafft, mit Scheißzeugnis. Keiner hat an mich geglaubt, nur meine Mutter."

Immerhin eine Lehrerin von Hüseyin hatte der Mutter geraten, den Sohn bei einer Komparsen-Agentur anzumelden, nachdem sie den Spaß des Jungen am Theaterspielen erlebte. Hüseyin hat nach den Komparsenrollen in mehreren Kino- und TV-Produktionen mitgespielt, er war unter anderem in der ZDF-Serie Kriminaldauerdienst, im ARTE-Fernsehfilm Ausgestoßen und in dem Suchtpräventionsfilm BZAL zu sehen. Er sagt, dass er heute in Filmen mitspielt oder auf Theaterbühnen steht, "das verdanke ich alles meiner Mutter. Sie hat mir immer gesagt, ich muss etwas daraus machen."

Zu seinem Bewunderer, dem Schüler von der Rütlischule, hat Hüseyin dann auch gesagt: "Gib einfach nicht auf, mach was aus deinem Leben." Er dürfe denen so etwas sagen, er kommt ja selber von unten. "Es gibt Millionen Jungs mit Migrationshintergrund, die Schauspieler werden wollen, aber die machen nichts. Die warten, dass sie irgendwann eine Rolle bekommen."

Was ihn am Schauspielern so fasziniert? Natürlich, immer in neue Rollen zu schlüpfen, sagt Hüseyin. "Ich möchte nicht einfach nur Hüseyin sein. Gestern war ich Abdul, heute bin ich Rashid, morgen vielleicht Mehmet." Und sein größtes Vorbild? "Kein Schauspieler oder so. Wenn überhaupt jemand, dann meine Mutter."

Das Stück "Arabboy" hat am 29. Mai 2009 um 20.30 Uhr seine Uraufführung im Saalbau Neukölln. www.heimathafen-neukoelln.de