Hansi hat am 2. Juni 1967 einen Logenplatz; genau genommen sind es drei. Er flitzt aus dem Kinderzimmer in die Küche, dann ins elterliche Schlafzimmer und wieder zurück. Immer dahin, wo er den besten Blick auf das Geschehen draußen im Hof hat. Die Rollläden sollten unten bleiben, hatte die Mutter gesagt. Aber Hansi, bald wird er neun Jahre alt, hat sie wieder hochgezogen, ein paar Zentimeter. Dass Erwachsene Räuber und Gendarm spielen, bekommt man nicht alle Tage zu sehen.

Was ist da draußen an der Teppichklopfstange los? Hansi rennt in die Küche. Ein Handgemenge, es sind auch Polizisten mit Mützen und Knüppeln dabei. Ein großer dünner Mann steht am Rande, er wirkt unbeteiligt, beobachtend. Er trägt ein rotes Hemd. Das fällt Hansi auf. Keiner sonst in dem Durcheinander hat ein rotes Hemd an.

Immer mehr Polizisten kommen in den Hof. Jetzt hat Hansi ein ganzes Menschenknäuel direkt vor dem Fenster. Atemlos sieht er hinaus, hört einen Knall, er sieht einen Mann mit einer Pistole in der Hand. Der Mann trägt einen Anzug, und er steht allein.

Getroffen von einer Polizeikugel

Vielleicht zwei Meter von dem Mann im Anzug entfernt sieht Hansi den Mann im roten Hemd zu Boden fallen. Den Studenten Benno Ohnesorg, getroffen von einer Kugel aus der Pistole des Polizeibeamten und Stasi-IMs Karl-Heinz Kurras.

Hansi hat schon oft geschossen, und er ist schon oft erschossen worden. Da draußen, in diesem Hinterhof, Krumme Straße, Berlin-Charlottenburg, kann man toll spielen. Aber plötzlich, hinter seinem Hochparterrefenster, wird ihm klar: Der Mann im roten Hemd steht nicht mehr auf. Hansi hört nicht den Wortwechsel, der sich – Prozessakten belegen dies – unmittelbar nach dem Schuss ereignet. "Bist du wahnsinnig, hier zu schießen?" Kurras: "Die, die ist mir losgegangen!" Vor dem Schuss war – laut Zeugenaussagen – noch etwas zu hören: Ohnesorg rief zu Polizisten, die ihn verprügelten: "Aufhören, aufhören!" Seine letzten drei Worte waren: "Bitte nicht schießen!" Das kann nur einer sagen, der sieht, dass auf ihn gezielt wird.

Über 40 Jahre, ein halbes Leben lang, trägt Hans-Hermann B. seine Beobachtungen mit sich herum. Vor einem Jahr informierten ihn zwei Journalisten darüber, dass seine vergilbte Zeugenaussage, aufbewahrt im Berliner Landesarchiv, in einem Buch nachzulesen sei. In dem Moment hatte ihn die Geschichte aus seiner Kindheit wieder eingeholt.

Der Student Edelbert W., damals 26 Jahre alt, lief zum gleichen Zeitpunkt über den Hof, direkt an Hansis Beobachtungsposten vorbei. Seine Aussage: "Jetzt stellte ich fest, dass ich nach hinten das Grundstück nicht verlassen konnte. Ich machte daher eine Wendung … Als ich etwa 3 m gelaufen war, hörte ich den Ruf einer männlichen Person 'Schießen'. Der Ruf war deutlich. Ich fasste diesen Ruf als Warnung eines Demonstranten etwa mit der Deutung 'Achtung, die schießen!' (auf). Ich vermutete, dass mit den Schießenden die Polizisten gemeint waren … Ich hielt im Lauf ein, und ich drehte mich voll etwa in Richtung des vermeintlichen Rufers um. In diesem Moment sah ich etwa in Hüfthöhe etwas aufblitzen, das ich für ein Mündungsfeuer hielt und noch halte. Ich habe vorher noch nie ein Mündungsfeuer gesehen. Ich dachte sofort: das ist ein Schuss. Gleichzeitig hörte ich auch einen Knall."

Beides, Hans-Hermann B.s und Edelbert W.s Aussagen, ist im Landesarchiv nachzulesen. Vor Gericht spielte es bisher nie eine Rolle. Nun jedoch hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungsakten – auf jedem Aktendeckel findet sich der Vermerk "historisch wertvoll" – angefordert.