Es lebe die Heuchelei! Denn sie ist ja auch die Verbeugung des Lasters vor der Tugend. Das Privatfernsehen ist auf der Jagd nach Quote darauf angewiesen, die Dosis immer wieder zu steigern, mit der sich Aufmerksamkeit erzielen lässt. Als pädagogisches Projekt verkauft RTL die neue Dokusoap Erwachsen auf Probe, bei der Säuglinge ans Fernsehen ausgeliehen werden. Diese Verlogenheit hat endlich Kinderschutzverbände, Psychologen, die Familienministerin auf den Plan gerufen.

Bisher haben die Verfechter dieser Sendungen ja immer nur behauptet, sie müssten sich mit ihren innovativen Ideen gegen eine Welt der erhobenen Zeigefinger durchsetzen. Ein kommunikativer Bluff, ähnlich dem der Finanzwelten, die den Sparkassendirektor so lange zu einem beschränkten Spießer erklärt haben, bis auch er der hohen Rendite nachgelaufen ist.

Für die Macher des Privatfernsehens, von Erwachsen auf Probe und ähnlichen Sendungen, ist die Quote der Indikator des ökonomischen Erfolgs. Es geht ums Geld. Dagegen wäre zunächst nichts zu sagen, und auch nicht dagegen, dass dabei unter anderem banale Unterhaltung, Kitsch und billiger Klamauk produziert werden. Menschen mögen Klatsch, ob also die Übernahme von ausgesprochenen Gossipformaten ins öffentlich-rechtliche Fernsehen richtig ist oder ob es nicht besser wäre, den mühsam erkämpften bürgerlichen Zaun zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten zu verteidigen, gut, darüber soll das Feuilleton streiten. Der mündige Bürger kann zusehen oder abschalten.

Frappierend ist hingegen, dass eine Gesellschaft, die eigentlich verinnerlicht hat, dass jede und gerade die ökonomische Macht begrenzt werden muss, seit Jahren hinnimmt, wie im privaten Fernsehen Grenzen niedergerissen werden und kommerzielle Interessen in Bereiche eindringen, die nach allgemeinem Verständnis als besonders schutz- und verantwortungsbedürftig gelten. Die Ausweitung der Kampfzone auf die unmündigen Bürger ist nie einer grundsätzlichen Kritik unterzogen worden. Doch Dieter Bohlens Superstars, Heidi Klums Supermodels, Oliver Geissens Nachmittagsshows und verwandte Formate sind nichts anderes als der brachiale Versuch, die Träume, Hoffnungen und Verführbarkeiten von Heranwachsenden zum Hebel ökonomischer Interessen zu machen.

Kinder und Jugendliche sind auch in Wohlstandsgesellschaften Objekte ökonomischer Begierde, siehe Werbewirtschaft. Doch dort hat sich der Erfolg immer umso mehr eingestellt, je niedlicher, süßer, gewitzter unsere Kleinen dargeboten wurden. Und das Kind als Konsument ist bis jetzt eine umkämpfte Zone, in der Eltern, Lehrer, Verbraucherschützer ihre Stellung zu behaupten versuchen.

Das Tauschgeschäft, das Klum, Bohlen und die Trashformate jungen Menschen seit geraumer Zeit als Modell andienen, war der Öffentlichkeit hingegen keine ernsthafte Debatte wert. Und vielleicht war es gerade nicht der Verzicht auf jede Art von subtiler Wirkung, sondern der unverhohlene Einsatz der Brechstange, der Eltern in Sprachlosigkeit und die Öffentlichkeit in eine verblüffte Bewunderung versetzt, wie sie einmal dem Kaiser in den neuen Kleidern zuteil wurde. Erfolg oder Abnutzung der Quote interessierten die Medien- und Feuilletonseiten mehr als die Frage, was in diesen Sendungen eigentlich geboten wird.

Die Menschen in Big Brother oder im Dschungelcamp waren grotesk anders, bereit zu freiwilligen Selbstentblößungen, die jeden Begriff von Anstand oder Peinlichkeit so massiv unterlaufen haben, dass man beinah glauben musste, es gebe eben keine Maßstäbe mehr dafür. Unsere geistreichen Kulturkritiker wurden erst laut, als ein Rapper mit einem schwulenfeindlichen Text Furore macht; der gleiche, nur brutal mädchenfeindliche Rap in den Charts wurde jahrelang einfach überhört. In den Nachmittagsshows können Moderatoren junge Leute unausgesetzt der Lächerlichkeit preisgeben und diese Art der Berufsausübung gilt nicht als fragwürdig oder verächtlich, sondern wird hofiert, solange die Quote stimmt.