Die meisten jungen Demokratien des ehemaligen Ostblocks leiden unter instabilen politischen Verhältnissen. Regierungskoalitionen wechseln rasch, extremistische Parteien sind relativ gut etabliert. So ist beispielsweise die Slowakische Nationalpartei des erklärten Romafeindes ("Parasiten") und Ungarnhassers ("Krebsgeschwür") Jan Slota mit einem zweistelligen Wahlergebnis seit 2006 Mitglied der Regierungskoalition in der Slowakei. Anders stellt sich die Lage in Ungarn dar, wo bisher rechtsradikale Parteien in der Politik keine Rolle spielten.

Der kürzlich erfolgte Aufstieg der rechtsradikalen Partei "Jobbik" in der gesellschaftlichen und medialen Wahrnehmung verleitete hiesige Medien, so auch zeit.de, eine breite ideologische Unterstützung der "Jobbik" in der ungarischen Gesellschaft anzunehmen. Jedoch ist diese These nicht haltbar.

Als Oppositionspartei agiert in Ungarn die bürgerliche "Fidesz" unter der Führung von Viktor Orbán. In ihrer Gesinnung lässt sie sich am ehesten mit der CSU vergleichen. Es ist und war in hiesigen Medien jedoch en vogue, Orbán und seiner Partei populistisch-nationalistische Tendenzen nachzusagen. Diese Annahme ist jedoch nicht richtig, da besonders die Fidesz als konservative Volkspartei bisher in der Lage war, den Aufstieg ultrarechter Parteien zu verhindern. Während dies zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs gut gelang, muss die Fidesz nun zum ersten Mal fürchten, von rechts überholt zu werden. Wie lässt sich dies erklären?

Der ehemalige Ministerpräsident Gyurcsány hat auf einer publik gewordenen Tonaufnahme zugegeben, dass seine sozialistische Regierung (MSZP) und ihr zeitweiliger liberaler Koalitionspartner (SZDSZ) politisch völlig versagt und vor der letzten Wahl das Volk in voller Absicht kalkulierend belogen haben, um die Wahl zu gewinnen. Auf der einen Seite trifft durch dieses politische Versagen die globale Finanzkrise Ungarn besonders hart, auf der anderen Seite wurde durch diese Enthüllungen das schon vorher hochgradig polarisierte politische Klima in Ungarn nachhaltigst vergiftet. Auf der Basis eines durchaus latent verbreiteten Antisemitismus sowie starker sozialer Spannungen mit kriminellen Roma und des sozialen Abstiegs Zehntausender aufgrund der Wirtschaftskrise fallen nationalistisch-rechtsradikale Parolen plötzlich auf fruchtbaren Boden.

Durch die stark gesunkene Popularität der SZDSZ gilt zwar die "Jobbik" im Moment als drittstärkste Kraft und wird nach aktuellen Umfragen für die Europawahl am 7. Juni die Fünfprozent-Hürde nehmen, dennoch können die Fidesz mit rund. 66 Prozent und die MSZP mit 20 Prozent der Stimmen rechnen. Tendenzen zur Etablierung einer rechtsradikalen Partei im ungarischen Parteispektrum sind natürlich Anlass zur Sorge und eine Mahnung an die Volksparteien.

Wenn aber voraussichtlich 86 Prozent der Wähler eine demokratische Partei wählen werden, so taugen Warnungen vor einer Renaissance des Faschismus in Ungarn zum Glück nur als Schreckgespenst. Oder als Wahlkampfmanöver.

Leser Vince Madai hatte sich in der Community von ZEIT ONLINE zum Thema geäußert. Die Redaktion von ZEIT ONLINE hat ihn daraufhin gefragt, über Ungarn einen Meinungsbeitrag zu schreiben.