Der Bund hat einen Notkredit für den ums Überleben kämpfenden Touristik- und Handelskonzern Arcandor abgelehnt. Die bisherigen Zusagen der Gläubigerbanken, Eigentümer und Vermieter sei zu gering gewesen, hieß es in Berliner Regierungskreisen. Damit rückt eine Insolvenz der Karstadt-Mutter immer näher, nachdem am Montagvormittag der Antrag auf Staatsbürgschaften bereits abgelehnt worden war.

Allerdings erhält das Unternehmen mit seinen rund 50.000 Mitarbeitern eine letzte kurze Frist, "um einen neuen, substanziell verbesserten Antrag" auf Rettungsbeihilfen über 437 Millionen Euro zu stellen. Das verlautete aus Kreisen des Bundesfinanzministeriums. Arcandor werde noch im Laufe der Nacht erneut die Gespräche mit Banken, Vermietern und Eigentümern suchen, um sie zu weiteren Zugeständnissen zu gewinnen. Der neue Antrag solle dann noch am Dienstagvormittag in Berlin vorgelegt werden, sagte Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski. Auf die Frage, wie lange Arcandor noch einen Insolvenzantrag hinauszögern könne, sagte er: "Wir brauchen eine Entscheidung bis Mittwoch".

Arcandor zufolge können allein die Rettungsbeihilfen in Form eines 437-Millionen-Euro-Kredits der staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) die Insolvenz noch abwenden. Allein mit diesem Geld könne man das operative Geschäft noch für weitere sechs Monate – solange wäre der Kredit befristet gewesen – am Laufen halten. Danach könne der Kredit zurückgezahlt oder ein Sanierungskonzept vorgelegt werden, so dass der Kredit in eine dauerhafte Beihilfe umgewandelt werden kann. Daran geknüpft sind allerdings strenge Auflagen der EU-Kommission.

Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick hatte sich am Vormittag noch kämpferisch gegeben: Er werde um "jeden Job" kämpfen. Auf einer roten Leiter stehend und mit einem Megafon in der Hand war er vor die Essener Belegschaft getreten und hatte eine emotionale Rede gehalten. Die Absage aus Berlin bedeute keineswegs die Insolvenz, rief der Manager, der auf Anzug und Krawatte verzichtet hatte.

Zu diesem Zeitpunkt war für den Karstadt-Mutterkonzern ein Rettungstopf bereits versiegt. Arcandor hatte um eine Bürgschaft und einen Kredit von insgesamt 850 Millionen Euro aus dem "Wirtschaftsfonds Deutschland" ersucht. Dieses Geld ist für Unternehmen gedacht, die wegen der Finanzkrise in Schwierigkeiten geraten sind. Doch wie erwartet hatte der Lenkungsausschuss des Bundes die beantragte Hilfe einstimmig abgelehnt. Arcandor sei bereits vor dem Stichtag 1. Juli 2008 in Schwierigkeiten gewesen, begründete Wirtschaftsstaatssekretär Walther Otremba die Entscheidung. Auch sei nicht erkennbar gewesen, wie der Konzern die langfristige Ertragskraft wiedergewinnen wollte.

Diese Unwägbarkeiten spielten offenbar auch bei der Ablehnung der Rettungsbeihilfe eine Rolle. Noch während der laufenden Verhandlungen hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerst zurückhaltend geäußert. "Ohne eine Zukunftsperspektive ist die Inanspruchnahme staatlicher Hilfe überhaupt nicht denkbar". Nötig seien vielmehr dauerhafte Lösungen, hatte die Kanzlerin betont. Die Bundesregierung werde keine Lösungen aufzeigen, "von denen wir wissen, dass sie Lösungen für drei, vier, fünf Monate bieten".

Merkel hatte auch auf die Verantwortung der Eigner verwiesen: "Was mir nach wie vor im Augenblick fehlt, ist die Dringlichkeit, mit der man sich um eine Lösung kümmert seitens der Eigentümer". In dieser Hinsicht seien die Verhandlungen zwischen Arcandor und dem Konkurrenten Metro über eine Zusammenlegung der Warenhaussparten nicht so weit gediehen, wie sie sich dies gewünscht hätte.

Ungeachtet der jüngsten Entscheidungen des Bundes und ungeachtet einer drohenden Insolvenz will der Arcandor-Konkurrent Metro weiter mit dem Karstadt-Mutterkonzern verhandeln. "Wir sind weiterhin gesprächsbereit", sagte ein Sprecher des Kaufhof-Mutterkonzerns. Die Vorgespräche vom Sonntag und Montag zu dem Thema sollten in den folgenden Tagen weitergeführt werden. Das Konzept funktioniere auch mit einer insolventen Karstadt-Kette, hieß es aus Unternehmenskreisen.

Auch die Arcandor-Großaktionäre, die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim sowie Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, haben das Unternehmen noch nicht aufgeben. Sie wollen bis zu 150 Millionen Euro neu investieren, erklärte Arcandor-Aufsichtsratschef Friedrich Carl Janssen. "Wir alle haben das Ziel, zu einer Lösung zu finden, bevor es tatsächlich zu einer Insolvenz kommt".

Doch die Zeit drängt: Bis zum Freitag muss Arcandor ein Rettungskonzept vorlegen, dann laufen die Kredite für den Konzern aus.