Erst vergangene Woche waren fünf Minister sowie mehrere Staatssekretäre zurückgetreten und hatten Premierminister Gordon Brown an den Rand des politischen Abgrunds gedrängt. Doch der Regierungschef steht nicht nur wegen diverser Rücktritte unter enormem Druck. Nach einer deutlichen Niederlage bei den Kommunalwahlen muss er sich nun auch angesichts der schlechten Ergebnisse bei der Europawahl verantworten.

Seine Labour-Partei erreichte das schlechteste Ergebnis seit dem Ersten Weltkrieg und ist nur noch dritte politische Kraft im Königreich. "Wir haben eine sehr, sehr schwere Niederlage erlitten", räumte Harriet Harman von der Labour-Spitze in einem BBC-Interview ein. Nach vorläufigen Ergebnissen erhielt die Partei 15,3 Prozent der Stimmen und lag damit deutlich hinter den Konservativen mit 28,6 Prozent.

Für heute ist eine Sitzung der Partei-Führung angesetzt, bei der Brown britischen Medien zufolge um sein politisches Überleben kämpfen würde. Selbst Parteifreunde fordern seinen Rücktritt. In der Fraktion läuft seit Tagen eine Unterschriftenaktion, die Brown zum Amtsverzicht bewegen soll. Unklar ist, wie viele Labour-Abgeordnete sich gegen den Premier aussprechen werden.

Kritiker werfen Brown Entscheidungsschwäche und mangelnde Kommunikationsfähigkeit vor. Für die Zeitung Daily Telegraph stand sein politisches Schicksal "auf Messers Schneide", der Guardian ging von einem Moment der Entscheidung aus und die The Times sah ihn sogar am Boden und angezählt.

Der britische Premierminister hat bislang alle Rücktrittsforderungen zurückgewiesen. Noch am Sonntag hatte der Schotte bekräftigt, dass er in der schwierigen Situation nicht davonlaufen werde und dass er das Land durch die Krise steuern wolle.

Bei einem Wechsel an der Regierungsspitze seien Neuwahlen kaum noch zu vermeiden, obwohl sie formell erst in einem Jahr ausgerufen werden müssten. Ein Sieg der Konservativen wäre dann so gut wie sicher. Labour ist seit zwölf Jahren an der Macht.