München gab sein Bestes. Ein weißblauer Bilderbuchhimmel, die Straßenkünstler in der Fußgängerzone voll Spiellaune nach dem langen Winter, die Biergärten voll, die Maßkrüge gut eingeschenkt, und im Haus der Kunst erfreute Gerhard Richter mit seinen Farbkaskaden. Viel heiterer, viel frühlingseuphorischer geht’s nicht. Beste Voraussetzungen also für jene Abwerbung, wie sie die Stadt München an diesem Wochenende vorhat, und dabei geht es nicht um einen Stardirigenten für die Philharmoniker oder einen neuen Spieler für den FC Bayern, sondern um angehende Erzieherinnen und Erzieher aus dem hohen Norden. Damit ist in diesem Mangelberuf das kommunale Headhunting eröffnet, andere Städte wie Nürnberg, Fürth, Erlangen werden dem Münchner Beispiel folgen.

Im "Zauberschiff", einer kombinierten Kindertagesstätte aus Krippe und Kindergarten im vornehmen Stadtteil Haidhausen, ist alles vorbereitet: die Gruppenräume sind aufgeräumt, ein langer Tisch mit Butterbrezen, Croissants, Kaffee und Wasser steht im Eingangsbereich, von der Decke baumeln bunte Girlanden und Papierfische, im Garten sind gruppenweise Tischchen und Stühlchen aufgebaut wie bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen.

Fehlen nur die Kinder. Doch die sind zuhause bei Mama und Papa, es ist schließlich Wochenende; und, wer weiß, vielleicht würden sie ja auch stören bei dieser auf Harmonie getrimmten Veranstaltung. Denn genau genommen geht es hier um PR, und da sind quengelnde Kinder, genervte Eltern und vielleicht ein Teller mit Spaghetti am Fußboden leicht jene Dosis Realität, auf die man gerne verzichtet. (Deshalb auch hat man um soziale Brennpunkte, wie sie etwa im Stadtteil Hasenbergl-zu finden sind, einen weiten Bogen gemacht.)

Außerdem ist da noch Lea. Fünfeinhalb Jahre ist sie alt, die Tochter von Christina Gschwendtner, einer der Bildungsberaterinnen im Schul- und Kulturreferat der Stadt. Sie vertritt die Kinder und sie tut es sehr überzeugend. Sie zeigt die Räume, bei der Powerpoint-Präsentation die Seiten umblättern. Da wird man doch mal durchs Bild laufen dürfen oder !? Anschließend verstaut sie laut klappernd ihre Buntstifte in verschiedenen Bechern: Ordnung muss sein, wenn Besuch da ist. Unter der Woche, das ahnt man, wird es hier sehr viel lebhafter zugehen.

Da sind sie auch schon, die Besucher: eine Gruppe Anfang Zwanzigjährige, endlos viel Mädels und drei Jungs. Sie kommen aus der nordwestlichsten Ecke Deutschlands, aus Papenburg im Emsland, unweit der niederländischen Grenze. Dort besuchen sie die Fachschule für Sozialpädagogik, im Sommer werden sie ihren Abschluss machen. Als sie im Matheunterricht von der Münchner Werbekampagne erfuhren, charterten sie spontan einen Bus und überredeten einen ihrer Lehrer, sie zu begleiten. Zwölf Stunden waren sie unterwegs, gezahlt haben sie den Trip aus der eigenen Tasche.

"Wir kämpfen da oben um jeden Job", erzählt Carola, 22 Jahre, "da ist es natürlich schon faszinierend, dass hier Erzieher so dringend gebraucht werden." Außerdem: Dieses Kombi-Modell aus Krippe und Kindergarten wie im "Zauberschiff" hätten sie zuhause nicht. Und altersgemischte Gruppen von null bis sechs Jahre schon gar nicht. Interessant seien auch die kleinen Gruppen mit acht bis zwölf Kindern. Lukas, 20 Jahre alt, schwarzer Schlapphut, demnächst Zivildienstleistender, hat mit Genugtuung vernommen, dass männliche Erzieher besonders willkommen seien. Damit die Kleinen die Spezies Mann nicht nur aus dem Bilderbuch kennen.

Also lassen sich die Papenburger zwei Tage lang von Münchner Freundlichkeit umgarnen. Das beginnt mit allerlei Vergünstigungen, einem Gutscheinheft für Kneipen, Hotels und zum Shoppen, sogar auf den Olympiaturm kommt man damit gratis. Eine Stadtrundfahrt gehört ebenso dazu wie das Single Ticket für die Münchner Verkehrsbetriebe.