Der Kanzler ließ sich vorsichtshalber erst gar nicht blicken und ging einen Tag lang auf Tauchstation. Fast zehn Prozent haben Werner Faymanns Sozialdemokraten bei der Europawahl am Sonntag eingebüßt – ein beispielloses Debakel. Nicht einmal ein Viertel der Wähler mochten der einst so stolzen Regierungspartei SPÖ noch vertrauen.

Es ist die schlimmste Niederlage, die die österreichischen Sozialdemokraten je erlitten haben. Sogar in der einst "roten" Bastion Wien fielen sie auf ein Drittel der Stimmen zurück. Kaum waren die verheerenden Zahlen bekannt, begannen bereits die ersten Funktionäre am Stuhl des Tags zuvor noch unangefochtenen Parteivorsitzenden und Regierungschefs zu rütteln. Jetzt dürfte in Österreich mal wieder eine Kanzlerdämmerung bevorstehen.

Für Faymann und seine SPÖ wiegt dieser Misserfolg umso schwerer, als der konservative Koalitionspartner, die Volkspartei, mit unerwartet deutlichem Abstand den ersten Platz belegen konnte. Obwohl auch die selbsternannte "Europapartei" einige Prozentpunkte verlor, ließ sie die Sozialdemokraten weit hinter sich.

Doch europapolitische Themen hatten im Wahlkampf ohnehin nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Vielmehr stand, wie in vielen anderen Mitgliedsstaaten der EU auch, die Krisenbewältigung der beiden Regierungsparteien der Großen Koalition auf dem Prüfstand. Und vor allem die Rolle, die der ewig lächelnde Silberfuchs Faymann dabei spielt.

Er hatte sich und seine Partei hemmungslos an das marktbeherrschende Boulevardblatt Kronen Zeitung angebiedert, das mit seiner Millionenauflage in Österreich häufig die Meinung bestimmt. Bei der jüngsten Nationalratswahl ging das Kalkül noch auf. Da unterstützte die Kronen Zeitung Faymann und half ihm so mit ins Kanzleramt.

Aber das tonangebende Massenblatt, stets eigenwillig und schwankend in seiner Gunst, hatte diesmal einen anderen Politiker zu ihrem Liebling erkoren: den EU-Gegner Hans-Peter Martin. Der bekam dadurch für seine Einmannpartei eine unbezahlbare Plattform geboten und stürmte mit seiner Wahlliste mit knapp 18 Prozent auf den dritten Platz.

Ursprünglich hatte Martin zu den Sozialdemokraten gehört, die den früheren Journalisten und Brüsseler Korrespondenten 1999 überraschend zu ihrem Europa-Spitzenkandidaten gemacht hatten. Doch er überwarf sich schnell mit seinen Genossen und führt seitdem als einsamer Wolf einen Kampf gegen die EU und seine Kollegen im Europäischen Parlament.