Nein, Europa hat kein demokratisches Legitimationsdefizit. Ja, die Europäische Union hat angesichts der rekordverdächtigen Nichtwählerschaft ein politisches Legitimationsdefizit.

Das "Nein" gilt dem schlichten Umstand, dass zu einer freien, demokratischen Wahl auch die Entscheidung gehören kann, nicht wählen zu gehen. Und mehr als 160 Millionen EU-Bürger haben ihre Stimme abgegeben. Dies undemokratisch zu nennen, wäre verwegen.

Das "Ja" freilich rührt durchaus an den Grundfesten dieser sonst so erfolgreichen Europäischen Union: Stell Dir vor, alles wird besser – und das interessiert immer weniger Menschen! Diese Wahlen zum Europäischen Parlament haben einen galoppierenden Schwund der Lust auf Europa vorgeführt. Die Ursachen sind auch in der jeweiligen nationalen Kultur zu suchen – die Briten etwa bestraften ihren Premier Gordon Brown fürs Finanzdesaster ebenso wie für die Spesenaffäre, die Ungarn votierten gegen ihre bisherigen Eliten und die Österreicher für eine Zeitung (denn hinter dem Erfolg der Liste Hans-Peter Martin steckt die Kronen Zeitung, die schier die Hälfte der Alpenrepublik gläubig studiert).

Solche Vergleiche sind somit reizvoll, aber unergiebig, weil von begrenzter Erklärkraft. In der Summe schrumpft im Europäischen Parlament die Fraktion der Sozialisten und Sozialdemokraten um etwa ein Viertel ihrer bisherigen Abgeordneten. Und die Europäische Volkspartei als stimmgewaltigster Trupp von Christdemokraten, Sarkozianern und Konservativen muss erst einmal nach dem gemeinsamen Kammerton suchen: Schließlich drohen die britischen Konservativen vorerst mit Austritt, und tschechische oder polnische Kräfte flirten auch mit Sezession. Frisch gestärkt, im Innern aber geschwächt – ist dies das künftige Bild der EVP-Fraktion?

Die Grünen sind stärker denn je, sie bringen es auf eine halbe Hundertschaft von Deputierten. Was aber wird Daniel Cohn-Bendit mit seinem französischen Triumph (16 Prozent, auf Augenhöhe mit den gebeutelten Sozialisten) jetzt machen? Im Wahlkampf wurde ihm seine Nähe zu Nicolas Sarkozy vorgeworfen, in der Arena des Straßburger Plenums hingegen könnte er zum redegewaltigen Oppositionsführer gerade gegen den Franzosen und dessen Anhänger in der EVP avancieren. Sarkozy wünscht sich zum Beispiel – genau wie Merkel, Brown hat ja andere Sorgen – als künftigen EU-Kommissionspräsidenten den bisherigen Amtsinhaber José Manuel Barroso: Aber soll der auch der Wunschkandidat der Grünen sein?

Summa summarum ist dieses Europäische Parlament bunter, vielfältiger, im doppelten Wortsinne: ver-rückter als alle seine Vorläufer. Verrückt, sich den ersten Auftritt der schwedischen Piraten im verwegenen Kampf für mehr Rechte der Internet-Nutzer auszumalen. Verrückt, dass jetzt in Straßburg für die Rechte der russischen Minderheit in Lettland die Stimme erhoben wird. Da kommen frische Farben ins Spiel. Und eben ver-rückte Koordinaten, innerhalb der EVP, auch innerhalb der sozialistischen Fraktion, von den Rändern ganz zu schweigen.

Hat der Wähler darum das künftige Parlament heillos geschwächt? Vorsicht, zum einen kann der Schwung der vielen neuen Eurokritiker, Euroskeptiker, EU-Gegner die in Herz und Verstand tief eingefärbten Europäer umso näher zusammen rücken lassen. Zum anderen wird sich auch die neue Kammer nicht nehmen lassen, was sich die alten Parlamente Stück für Stück erobert haben – mehr Mitsprache und Mitentscheidung auf allen Politikfeldern, und natürlich gleich nach der Sommerpause die Anhörung der designierten Kommissare (nebenbei, wo gibt es die eigentlich in den nationalen Parlamenten gegenüber den Ministeraspiranten?).