Europa vermag auch in Deutschland keine Begeisterung oder zumindest größeres Interesse mehr zu wecken. Zwar hatten führende Politiker, allen voran die Kanzlerin, kurz vor der Abstimmung noch einmal auf die Bedeutung der Europawahl für ein starkes, geeintes Europa hingewiesen. Doch auch solch eher moralischen Appelle konnten die Bürger am Sonntag nicht massenhaft an die Wahlurnen locken: Die Wahlbeteiligung, schon vor fünf Jahren mit 43 Prozent äußerst dürftig, erreichte nach ersten Hochrechnungen einen neuen Tiefststand. Ein ernüchterndes, ja beschämendes Ergebnis für eines der Gründungsmitglieder und zugleich das größte und mächtigste Land der Gemeinschaft.

Aber warum hätten die Menschen auch in großer Zahl wählen gehen und Kreuzchen hinter Listen mit Kandidaten setzen sollen, die sie kaum kennen? In einem müde sich dahin schleppenden Wahlkampf präsentierte keine Partei zündende Ideen, wie es mit der seit Jahren kriselnden EU weiter gehen soll. Wie sie fit gemacht werden kann für die Herausforderungen einer immer größeren Gemeinschaft angesichts der globalen Herausforderungen. Kontroverse Themen, überzeugende Programme und Profile der Parteien? Fehlanzeige.

Stattdessen beherrschten die Krise und die Bemühungen um die Rettung von Opel, Arcandor & Co den Wahlkampf. Vor allem die SPD bemühte sich, sich als eifrigste Vorkämpferin für die Rettung von Arbeitsplätzen darzustellen – ohne jeden Erfolg. Die Sozialdemokraten fielen am Sonntag nach den ersten Hochrechnungen sogar noch knapp unter das desaströse Europawahlergebnis vor fünf Jahren. Bei etwas mehr als 21 Prozent kann man zurecht fragen, ob die SPD überhaupt noch eine Volkspartei ist. 2004 war die SPD, so dachte man, auf dem Tiefpunkt: Die Reformagenda von Gerhard Schröder trieb damals die Wähler und Mitglieder in Scharen davon und auf Straße.

Fünf Jahre später ist die SPD aber offenbar keinen Schritt weiter. Der unglückselige Vorsitzende Kurt Beck wurde entmachtet und durch das scheinbar kraftvolle Duo Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering ersetzt, die Agenda 2010 ins Archiv verbannt. Aber die SPD eilt weiter von einer demütigenden Niederlage zur nächsten. Erst die nach den Ypsilanti-Wirren verdiente Schlappe in Hessen, nun das neuerliche Debakel bei der Europawahl.

Nichts ist damit, dass der Boden festgetrampelt wäre, wie Franz Müntefering gerne formuliert und die Partei sich nun an den Aufstieg machen könnte. Nein, die SPD steckt immer noch tief im Schlamassel. Hoffnungen, dass bis zur Bundestagswahl noch spürbar aufwärts gehen könnte, kann sie sich kaum machen. Weder Steinmeier noch Müntefering haben die Partei und ihre Wähler inspirieren und ihr ein neues, überzeugendes Profil geben können. Sich in der Krise gegen den Verlust alter Strukturen zu stemmen reicht eben offenkundig nicht, zumal wenn man mit der CDU einen Koalitionspartner an der Seite hat, der sich im Zweifel fast genauso sozialdemokratisch gibt.

Diese CDU ist, trotz deutlicher Verluste, die Siegerin der Europawahl, wenn auch keine strahlende. Sie hat ganz auf die Kanzlerin gesetzt - ein Rezept, das auch bei der Bundestagswahl aufgehen soll, und sie hatte damit Erfolg. Angela Merkel ist offenkundig diejenige, der die Wähler in der Krise vertrauen, weit mehr als ihrem Herausforderer Steinmeier.

Dass die Union ihr sehr gutes Ergebnis von 2004 nicht würde wiederholen können – damals hatten viele die Europawahl zum Protest gegen Rot-Grün genutzt –, das war sozusagen eingepreist; Merkel hatte ihre Partei darauf vorbereitet. Doch manche hatten gefürchtet, dass sie sogar auf ein ähnliches Ergebnis wie bei der Bundestagswahl 2005 zurückfallen würde und damit böse Erinnerung wach würden. Aber das ist ausgeblieben. Auch die CSU übersprang - trotz mancher Unkenrufe - locker die Fünfprozenthürde, ja sie erreichte in Bayern offenbar sogar fast wieder die für sie so wichtige absolute Mehrheit. CSU-Chef Horst Seehofer hat damit seine erste Probe bestanden.