Beinahe wäre das Wasser von den Tischchen gestoßen worden, mit dem sich die Stuttgarter Grünen erfrischten. Die erste Hochrechnung zur Gemeinderatswahl hatte aufgeblinkt, Fraktionschef Werner Wölfle nahm seine zierliche Parteifreundin Muhterem Aras in eine Art Klammergriff und hüpfte lachend auf der Stelle wie der Großgewinner einer Lotterie. Eine Infratest-Prognose, die der Südwestrundfunk in Auftrag gegeben hatte, sagte den Grünen bei der Stuttgarter Gemeinderatwahl einen Stimmenanteil von 27 Prozent voraus, ein Plus von acht Prozent. Still ging es unter den CDU-Vertretern zu. Jetzt müssen sie hier in der Landeshauptstadt, zum ersten Mal in ihrer Geschichte, mit einer Fraktion Politik machen, die auf direkter Augenhöhe steht.

Einen Tag später war Wölfle immer noch euphorisiert, daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die Veröffentlichung des vorläufigen "Stimmzettelergebnisses" (das vorläufige Endergebnis wird erst morgen, Dienstag, veröffentlicht) die Grünen vom Spitzenplatz wieder knapp hinter die CDU hatte zurückrutschen lassen. Wölfle weiß: So oder so sitzt der Stachel tief bei der seit jeher dominierenden Partei, "die das Rathaus als ihr eignes Wohnzimmer betrachtet".

Die gewaltige Stimmenwanderung hin zu den Grünen gründete sich auf ein einziges Wahlkampfthema: Stuttgart 21, das seit mehr als einem Jahrzehnt geplante und zugleich umkämpfte milliardenschwere Bahnprojekt, das die Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs vorsieht, dazu den Ausbau der ICE-Bahnstrecke in Richtung Ulm und München und die Anbindung des Zugverkehrs an den Flughafen.

Am 2. April waren – entgegen der Warnungen des Bundesrechnungshofes – die Finanzierungsverträge von Bund, Land und Bahn unterschrieben worden, mit dabei auch der Stuttgarter CDU-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster. Die Stadt beteiligt sich an den Kosten mit 32 Millionen Euro, hat der Bahn außerdem für 460 Millionen Euro Grundstücke abgekauft und trägt einen stattlichen Teil des Risikos, falls die Kosten überschritten werden. Die Mehrheit im Gemeinderat stand früh hinter dem Bahnprojekt. Die Grünen halten es für unkalkulierbar, ja für einen Wahnsinn.

Wie gespalten die Stuttgarter Bevölkerung in dieser Frage ist, zeigte sich nie deutlicher als bei dieser Kommunalwahl. In der ganzen Region hatten die Grünen zulegen können, das Zentrum Baden-Württembergs aber wurde zur Spitze dieser Wählerbewegung. Man habe die Pointierung des Wahlkampfs ursprünglich nicht angestrebt, erzählt der Grüne Wölfle, doch dann sei es eben anders gekommen. Genüsslich sagt er in Richtung CDU: "Jetzt müssen die mit uns reden."

Das klingt gut, doch es ist auch gut möglich, dass die Grünen den Wählerwillen enttäuschen müssen. Denn derzeit dürfte es kein Zurück aus den Verträgen mit der Bahn geben, die mit hohen Konventionalstrafen verknüpft sind – auch wenn der Grünen-Landesvorsitzende Winfried Kretschmann kurz nach der Wahl den Projektgegnern etwas anderes in Aussicht stellte.

Um überhaupt erst einmal die Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat  für Stuttgart 21 zu brechen, müsste schon die SPD umfallen, die bei dem Megaverkehrsprojekt als gespalten gilt und am Sonntag bittere Stimmverluste erlitt. In einer ersten Stellungnahme bekräftigten die Genossen ihren Willen zur Bahnhofstieferlegung, doch die Grünen setzen auf die mittelfristige Wirkung des bohrenden Zweifels. "An der Basis der SPD grummelt es gewaltig", will Werner Wölfle beobachtet haben.