Was war das gestern für eine triste Veranstaltung in der sonst so lebhaften Kulturbrauerei. Eigentlich wollte die Linkspartei hier, in dem beliebten Berliner Veranstaltungssaal, ihre Wahlparty feiern. Aber als die Hochrechnung verkündet wurde, war der Raum nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Auch sonst gab es Pannen: Ständig streikte die Technik, mal fiel das Bild aus, mal der Ton. Dem Moderatorenteam, zwei eifrigen Studentenvertretern, hörte kaum einer der Anwesenden zu.

Parteichef Oskar Lafontaine kam gar nicht erst. Gregor Gysi war zwar da, aber er meckerte, als ihm das Wort erteilt wurde, vor allem darüber, dass man ihn als Gast begrüßt habe, dabei sei er als Fraktionschef doch der eigentliche Gastgeber. Kurz: Alles wirkte ein bisschen plan- und lustlos. Und das, obwohl die Partei gerade ihr historisch bestes Ergebnis bei einer Europawahl erzielt hatte.

Dass die 7,5 Prozent innerhalb der Linken nicht als Erfolg gewertete werden, darauf machte gleich das Zentralorgan der Partei Aufmerksam. Schon um 18.30 Uhr lag in der Kulturbrauerei die neue Ausgabe des Neuen Deutschland aus, der Zeitung also, der Linken-Parteichef Lothar Bisky als Herausgeber vorsteht. In dem Leitkommentar steht: Das Ergebnis, das unterhalb der "Zielvorgabe 10+x" liegt, sei eine "Schlappe", eine "Quittung für das ungeklärte Verhältnis zu Europa" innerhalb der Partei. Auch der "parteiinterne Zwist" habe geschadet.

Tatsächlich schwelt in der Linkspartei seit langem ein Streit, der im Vorfeld der Europawahl einmal mehr an die Oberfläche kam. Drei Funktionäre hatten kurz vor der Wahl ihren Parteiaustritt angekündigt. Hinzu kamen an diesem Wahlwochenende die öffentlichen Äußerungen des langjährigen Parteistrategen André Brie, der auf ZEIT ONLINE und im SPIEGEL die Parteiführung um Lafontaine als autoritär und europafeindlich kritisiert hatte.

Viele Linke erklärten Brie deshalb noch am Wahlabend zum Sündenbock. Etwa der Europaabgeordnete Tobias Pflüger, der seinem früheren Parlamentskollegen "Wahlsabotage" unterstellte – und, verklausuliert, zu einem "Parteiausschlussverfahren" riet. Auch Parteichef Bisky sagte noch im Kulturbrauhaus: Dass man nicht so stark zugelegt habe "wie erhofft", liege "an Personalquerelen".

Am nächsten Tag möchte Bisky dies nicht noch einmal so wiederholen. Das Präsidium der Linken ist zur Beratung zusammengekommen. Der Tagungsort ist das Redaktionshaus des Neuen Deutschland, ein alt-sozialistischer Monumentalbau im Herzen Ost-Berlins, umgeben von Plattenbauten. Bisky jedenfalls deutet das Wahlergebnis am heutigen Montag schon positiver als am Wahlabend. "Soll ich mich ständig dafür entschuldigen, dass wir nicht 20 Prozent geholt haben?", fragt er rhetorisch.

Diesmal ist auch Oskar Lafontaine gekommen. Er räumt ein, dass seine Partei diesmal nicht so zugelegt habe, wie er es sich "gewünscht und erwartet" habe. Den gebremsten Zuspruch erklärt Lafontaine zunächst soziologisch. Diese Wahl habe gezeigt, dass die Linkspartei ein spezifisches "Mobilisierungsdefizit" habe, sagt er. Die Europawahl sei traditionell eine "Wahl der gebildeten Schichten und Besserverdienenden". Das linke Stammklientel hingegen, Geringverdiener und Arbeitslose, könne mit Europa weniger anfangen. Lafontaine hofft auf die Bundestagswahl: Im Herbst werde die Linke wieder zweistellig sein, prognostiziert er.