Ein wenig läppisch ist dieses verspätete Pfingstwunder schon. "The Abduction from the Seraglio" prangt als Titel auf dem Staatsopern-Programmbuch, und Mozarts Figuren reden an diesem EuropaWahlabend gern, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, zumindest in den Rezitativen – italienisch, slowakisch, englisch. Ein deutsches Singspiel mit Migrationshintergründen, so sieht Regisseur Michael Thalheimer Mozarts "Entführung aus dem Serail". Ein Stationendrama über den Fremden, das Fremde in dir und in mir und über die unheimliche vierte Wand, die Saal und Bühne, Spieler und Zuschauer im bürgerlichen Theater seit jeher trennt.

So weit, so beflissen. Aber das ist nicht alles.

Klar auch, dass sich zum guten, gar nicht guten Ende hin zu Füßen der Proszeniumslogen jeweils die falschen Paare finden: Konstanze und Pedrillo hüben, Belmonte und Blonde drüben. Versprengte, Entwurzelte, Liebestote, die sich in den zurückliegenden zwei Stunden (ohne Pause) um alles andere bemüht haben als um die Entzündung neuer alter Herzensglut oder die Eroberung der Freiheit. So recht bemüht sich hier eigentlich niemand mehr.

Einzig Osmin (Maurizio Muraro mit knorrigem Bass) steuert noch etwas krachlederne Wut und Leidenschaft bei. Eine Schießbudenfigur mit blutroten Handflächen und Adidas-Streifen an der Pumphose. Der Haremswürger auf Hartz IV? Da hat die Oper des 21. Jahrhunderts schon Vielschichtigeres, Gefährlicheres gesehen. Nicht nur bei Calixto Bieitos Skandal-"Entführung" nebenan, an der Komischen Oper, die den Bordell-Gedanken wörtlich nahm und sich in allen Körpersäften suhlte.

Und trotzdem. Diese zwei Stunden nahezu nackte Mozart-Musik haben, altmodisch ausgedrückt, ein Geheimnis, eine Aura. Vielleicht ist es nur Thalheimers Ratlosigkeit, die einen (mit)beben lässt; sicher ist es Philippe Jordan am Pult der Staatskapelle, der eine noch etwas festgezurrte, nicht wirklich freie, aber tadellos studierte und auch immer wieder hübsch rasselnde Lesart der Partitur bietet. Das Pathos dieser Aufführung, seltsam genug, speist sich aus dem Nichts, der Leere: der Leere der Szene, den statuarischen Choreografien, den überzeichneten Charakteren. Je enger diese Grenzen gezogen werden, je härter die programmatische Schale, desto heftiger entzündet sich die eigene Fantasie – daran und dagegen. Wenn sie bereit dazu ist.

Konstanze beispielsweise sieht aus wie Anneliese Rothenberger (wenn sie nur auch so sänge!) bei Madame Tussaud, eine Figurine, eingeschlossen in sich selbst. Blonde wiederum ist erstens nicht blond und in ihrem schreiend pinkfarbenen Babydoll zweitens so etwas wie die kleine fiese Schwester von Charlotte Roche, während Pedrillo mit kurzen Hosen und karottigem Haarschopf frisch aus der jüngsten Harry-Potter-Verfilmung entsprungen scheint. Und Belmonte, dieser schöne, weiße abendländische Prinz, der sich zu Beginn mit "Hier soll ich dich denn sehen" müde aus der dritten Reihe des Parketts schält, versprüht schätzungsweise so viel Sex-Appeal wie Siegfried von Siegfried & Roy.

Wie damit nun eine Geschichte erzählen, die 1782 von Rache und Vergebung, Türkenangst und Gottestreue, Liebesraub und Trieben spricht? Die frühe Mozart-Welt, sagen Thalheimers Bühnenbildner Olaf Altmann und seine fabelhafte Kostümbildnerin Katrin Lea Tag, kennt nur Gegensätze: ein Oben und ein Unten, ein Drinnen und ein Draußen, ein Schwarz und ein Weiß. Eine Kiste mit zwei Stockwerken, das ist die Bühne. Mal schiebt sich eine Wand über die eine oder die andere Hälfte, mal spielt das Geschehen rund um den Graben. Weiß ist die Farbe für das hohe Personal (Konstanze, Belmonte, Bassa Selim), Schwarz die fürs niedere (Blonde, Pedrillo, Chor). Ganz einfach.