Es ist 18.15 Uhr, als die vielen Genossen im Willy-Brandt-Haus begreifen, dass es nichts bringt, angesichts der desaströsen Hochrechnungen nur  noch in ratloser Verzweiflung zu versinken. Franz Müntefering ist auf die Bühne getreten. Es ist ein bitterer Gang für den Parteivorsitzenden. Er muss nach der Europawahl ein niederschmetterndes Ergebnis kommentieren, das sich beim besten Willen nicht schön reden lässt. Fahl sieht Müntefering aus. Mit 21 Prozent, einem noch schlechteren Abschneiden als bei der Europawahl vor fünf Jahren und einem neuen historischen Tief für die deutsche Sozialdemokratie, hat er überhaupt nicht gerechnet.

Seine Anhänger auch nicht. Erst ist der Beifall für den Vorsitzenden deshalb auch nur mau. Er spiegelt die tiefe Enttäuschung der Genossen wider. Doch dann brandet er langsam auf, schließlich ist sogar Jubel zu hören. Eine Partei macht sich in ihrer größten Verzweiflung Mut, oder versucht es zumindest, und Müntefering bemüht sich, dazu die richtige Tonlage zu finden. Er spricht von einem "schwierigen Abend" und von einem "enttäuschenden Ergebnis". Dieses sei "deutlich schlechter als erhofft". Wenig später wird auch Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der sich im Willy-Brandt-Haus an diesem Abend nicht blicken lässt, die Niederlage der SPD ohne Umschweife eingestehen. Der SPD sei es nicht gelungen, ihre Wähler "an die Wahlurnen zu bringen", lautet der übereinstimmende Erklärungsversuch von Müntefering und Steinmeier.

Tatsächlich allerdings ist das Ergebnis für die SPD mehr als eine weitere Niederlage. Es ist, gut drei Monate vor der Bundestagswahl, ein Desaster, und die Sozialdemokarten, die sich im Foyer der Parteizentrale versammelt haben, wissen dies. Mit entsetztem Schweigen nehmen sie die ersten Prognosen zur Kenntnis. "Scheiße" zischt ein Genosse und bringt damit die Stimmung auf den Punkt.

Dabei waren führende Sozialdemokraten, als sie sich am frühen Sonntagnachmittag in der SPD-Zentrale zu internen Beratungen versammelten, zunächst noch verhalten optimistisch. Die ersten vorläufigen Zahlen der Meinungsforscher waren nicht gut, aber sie deuteten für die SPD einen leichten Stimmenzuwachs an. Mit 25 oder 26 Prozent hätten die SPD und ihr Kanzlerkandidat Steinmeier leben können. Damit hätte sie eine Trendwende verkünden und zur Aufholjagd blasen können. Zumal die Meinungsforscher für den Koalitionspartner Union deutliche Verluste signalisierten.

Doch kann kippte die Prognose plötzlich. Kurz vor Schließung der Wahllokale zeichnet sich schließlich ab, dass das Ergebnis für die SPD in den Keller rauschen würde. Die Gesichter der Genossen wurden immer länger und bei den Parteistrategen hatte die Suche nach den Ursachen bereits begonnen.

"Wir wussten um unsere Mobilisierungsprobleme", sagt der SPD-Chef später. "Wir haben es nicht geschafft, sie aufzulösen". Schon bei früheren Europawahlen hatten die Sozialdemokraten die Erfahrung gemacht, dass eine niedrige Wahlbeteiligung vor allem zu ihren Lasten geht, die Konservativen und vor allem auch die Grünen ihre Anhänger besser mobilisieren können. Von einem "völligen Desinteresse gegenüber europäischen Themen", spricht der SPD-Landesvorsitzende von Berlin, Michael Müller.