Als der Himmel um sechs Uhr morgens aufhellt, liegt eine bedrückende Stille über Peking. Auf dem achtspurigen Prachtboulevard Changan, der im Zentrum von Ost nach West verläuft, sieht man kaum einen Fußgänger oder Radfahrer. Nur Soldaten in ihren grünen Uniformen patrouillieren durch die Straßen. An den Kreuzungen stehen die verkohlten Wracks von Autos und Bussen; Leichen liegen am Wegesrand. Es riecht verbrannt. In der Mitte der Stadt, am Eingang zum alten Kaiserpalast, schaut wie immer Mao Zedong von seinem berühmten Bild – und auf den Tiananmen-Platz, einem steinernen, acht Fußballfelder großen Rechteck, das von gewaltigen stalinistischen Bauten eingerahmt wird. Doch auch das "Herz Chinas", wie der Platz genannt wird, ist an diesem Morgen fast menschenleer, besetzt von tarnfarbenen Panzern, auf denen ein roter Stern prangt. Abseits, in den kleinen Gassen, beobachtet der amerikanische Journalist Harrison Salisbury, wie Männer in Hose und Unterhemd wortlos ihren Frühstücksreis essen: "Überall sah man ernst dreinblickende Leute", schreibt er in sein Tagebuch. Es ist der 5. Juni 1989 – der traurige Endpunkt einer Zeit voller Hoffnung, die sieben Wochen zuvor begann.

Sonnabend, 15. April

Bei 20 Grad machen sich an diesem schönen Frühlingstag hunderte Pekinger Studenten auf zum Tiananmen, zu Fuß oder mit dem Rad. Sie tragen Jeans und T-Shirts; die wenigsten sind älter als 25. Sie haben "naive, sympathische Gesichter" – so wird es Jürgen Bertram, der 1989 ARD-Korrespondent in China ist, später formulieren. Aus Papier basteln die Studenten Blumen und aus diesen Kränze, mit denen sie das "Denkmal der Volkshelden" schmücken, einen 38 Meter hohen Granitobelisken inmitten des Platzes. Sie sind gekommen, weil sie um den 73-jährigen Hu Yaobang trauern, der am Morgen an einem Herzinfarkt gestorben ist. Hu, ein Reformer, war Chinas beliebtester Politiker: charmant, charismatisch und volksnah. Sofort veröffentlicht die KP einen Nachruf, preist ihn als "großen proletarischen Revolutionär". Unerwähnt bleibt, dass Hu, der einstige Parteichef, seit zwei Jahren kaltgestellt war – weil er auf Proteste für mehr Demokratie angeblich zu milde reagiert hatte. In China brodelt es seitdem. Auch, weil die starke Inflation die Preise steigen lässt. Zwar hat sich das Land unter Führung des 84-jährigen Deng Xiaoping wirtschaftlich geöffnet. Die politische Macht liegt aber noch immer fest in den Händen von KP-Kadern, viele von ihnen korrupt. In einem Zweizeiler, der nun überall in der Stadt angeschlagen wird, heißt es: "Der eine, der nicht hätte sterben sollen, ist tot / diejenigen, die hätten sterben sollen, sind am Leben."

Dienstag, 18. April

Im Morgengrauen versammeln sich 200 Studenten zu einem Sit-in an der Westseite des Tiananmen – vor der mächtigen "Großen Halle des Volkes", in der das Parlament tagt. Sie singen die Nationalhymne und wollen mit einem ranghohen Mitglied des "Volkskongresses" sprechen. "Die einstigen Anschuldigungen gegen Hu müssen offiziell zurückgenommen werden!", verkündet einer lautstark – und bekommt dafür viel Applaus von Passanten, wie Tagesspiegel-Korrespondent Johnny Erling notiert. Außerdem verlangen die Studenten Pressefreiheit und Informationen über das Gehalt von Spitzenpolitikern. Am Abend drängen Polizisten in Zivil 3000 Leute ab, die die nahe KP-Zentrale stürmen wollen.

Sonnabend, 22. April

Der Leichnam von Hu Yaobang liegt in einem Sarg aufgebahrt in der "Großen Halle des Volkes". Die wichtigen Männer der KP defilieren in schwarzen Anzügen daran vorbei und verbeugen sich. Draußen haben sich hunderttausende Menschen im Gedenken an Hu versammelt. Auf einem Plakat steht: "Wir werden dich nie vergessen."

Dienstag, 25. April