ZEIT ONLINE: Herr Trittin, wann waren Sie das letzte Mal in einem Kaufhaus einkaufen?

Jürgen Trittin: Letzte Woche, im Kaufhof am Berliner Alexanderplatz.

ZEIT ONLINE: Damit gehören sie zu einer Minderheit in Deutschland. Nur noch ein Bruchteil der Deutschen geht in Kaufhäusern einkaufen. Trotzdem fordert die SPD jetzt Staatshilfen für die Kaufhaus-Mutter Arcandor. Zu Recht?

Trittin: Gemach. Erstens zeigt das Beispiel Kaufhof, dass es durchaus funktionieren kann, mit Kaufhäusern Geld zu verdienen – selbst wenn das Modell des integrierten Kaufhauses in der Krise steckt. Zweitens sind die Probleme bei Arcandor hausgemacht, die Geschäftspolitik der Eigentümer war verfehlt. Dort hat man Immobilien in bester Lage an Finanzinvestoren verkauft und muss nun teuer mieten, was jetzt die Krise verschärft. Außerdem verfügt Arcandor mit dem Touristikzweig Thomas Cook über profitable Unternehmensbestandteile, die verkauft werden können, um das Unternehmen zu retten.

ZEIT ONLINE: Arcandor soll sich also selbst helfen.

Trittin: Man kann nicht ernsthaft vom Staat erwarten, dass er für Arcandor bürgt, ohne dass die sehr wohlhabenden Eigentümer in die Haftung und ins Risiko gehen. Außerdem stellt sich natürlich die Frage, wie zukunftsträchtig das Geschäftsmodell ist.

ZEIT ONLINE: Wie kann man den Bürgern und Beschäftigten erklären, dass Arcandor möglicherweise in die Insolvenz geschickt wird, Opel aber nicht?

Trittin: Bei Opel gibt es einen Sanierungsplan, der funktionieren kann - übrigens mit einem Abbau von gut 10.000 Arbeitsplätzen allein bei Opel. Ohne Staatshilfe wäre das Unternehmen "liquidiert" worden, das war die Forderung des Wirtschaftsministeriums. Bei Arcandor sind die Eigentümer durchaus in der Lage, privatwirtschaftliche Lösungen zu finden. Außerdem gibt es ein Fusionsangebot von Metro.

ZEIT ONLINE: Durch eine Fusion der beiden Ketten würden Tausende Menschen ihren Job verlieren, vermutlich würden dann nur knapp die Hälfte der gemeinsamen Filialen überleben.

Trittin: Das wird bei Opel nicht anders sein. Das Sanierungskonzept dort sieht auch vor, dass Arbeitsplätze im Unternehmen und weitere bei den Zulieferern abgebaut werden. Es war richtig, Opel zu retten. Aber die Art und Weise, wie es geschehen ist, war falsch.

ZEIT ONLINE: Warum?

Trittin: Die Bundesregierung bürgt für zwei Investoren, verzichtet aber auf die Möglichkeit, Einfluss auf die Unternehmenspolitik zu nehmen. Bei der Commerzbank lief es ähnlich ab: Einerseits werden Bürgschaften in Milliardenhöhe gewährt. Andererseits verpasst man die Chance, die künftige Entwicklung des Unternehmens mitzusteuern.