"YouTube, Twitter and Facebook werden sich zu einer Super-Zeitverschwendungs-Website vereinen, zu YouTwitFace", scherzte der Latenight-Talker Conan O’Brien am vergangenen Mittwoch in der Tonight Show. Es bedarf nicht viel Fantasie, um zu erraten, dass das nach der gängigen Beleidigung "You shitface" klingen soll.

Vor allem mit Twitter hatte sich O’Brien ein dankbares Ziel für seinen Spott ausgesucht. Seit Monaten erzeugt der Online-Dienst, mit dem man Sozialgeschnatter in Fast-SMS-Länge austauschen kann, ein mediales Rauschen in eigener Sache. Meist sind es Meldungen eines unablässigen Aufstiegs: Die Marktforscher von Nielsen berichten, die Zahl getwitterter Minuten sei in den USA binnen eines Jahres um 3000 Prozent gestiegen. In Deutschland kamen allein im Mai 24 Prozent neue Nutzer hinzu. Sogar die Bibel wurde in Twitter-taugliche Häppchen zerlegt. Und die Gedankenschnipsel des Schauspielers Ashton Kutcher lesen mittlerweile zwei Millionen Menschen.

The next big thing? Das ist natürlich nicht ausgeschlossen – schließlich lieben alle Twitter, wie es scheint. Aber stimmt das wirklich? An der Harvard Business School haben unlängst Bill Heil und Mikolaj Piskorski die Datensätze von rund 300.000 Twitter-Nutzern untersucht, Anfang Juni veröffentlichten sie die Ergebnisse. Sie fanden etwa heraus, dass Männer eher den Gedanken anderer Männer folgen als denen von Frauen. Und dass der durchschnittliche Twitterer gar nicht twittert: Die produktivsten zehn Prozent der Nutzer schreiben 90 Prozent aller Tweets.

Das ist Heil und Piskorski zufolge außergewöhnlich: In anderen sozialen Netzwerken produziere das obere Zehntel nur 30 Prozent aller Inhalte. Die Erklärung für das Ungleichgewicht bei Twitter ist die hohe Zahl derer, die sich anmeldet, den Onlinedienst dann aber kaum verwendet: Die Hälfte der in der Untersuchung ausgewerteten User hatte höchstens einen einzigen Beitrag verfasst. Viele probieren Twitter also offenbar aus – und finden es dann gar nicht gut.

Aber wehe, das spricht jemand aus! Am Mittwoch vergangener Woche, an dessen Abend Conan O’Brien seinen derben Witz reißen sollte, veröffentlichte ZEIT ONLINE eine Glosse meines Kollegen Jens Uehlecke. In der Kolumne "Schluss mit…" auf der letzten Seite des Magazins ZEIT Wissen hatte er in der für diese Stelle und dieses Format üblichen überspitzten und polemischen Weise geschrieben: "Über Twitter versenden Millionen Menschen Belanglosigkeiten. Das nervt."

Dieser Meinung muss man nicht sein, kann man aber. Schnell wuchs die Zahl der Leserkommentare auf ZEIT ONLINE und in Blogs, aber die meisten Reaktionen kamen natürlich in Form von Tweets: "Wow, selten wurde Unwissen so markant dargestellt." "Als ob man mit den Füssen twittern würde! der hat ja echt keine Ahnung." "Jens Uehlecke, in seiner Freizeit als Blockwart tätig, schäumt vor Wut."

Normalerweise entzündet sich solche Kritik, wenn jemand "das Internet" oder alles, was "online" ist, in Bausch und Bogen verdammt. Hier aber handelte es sich mitnichten um solch eine Pauschalisierung. Der Text richtete sich weder gegen das Netz als solches, noch gegen den Online-Journalismus oder gegen soziale Netzwerke. Er richtete sich gegen einen bestimmten Dienst und den Hype darum.