Sie ist die Mutter aller Biennalen: Vor 114 Jahren begann in Venedig der Länderwettstreit um den schönsten Kunstpavillon. Seitdem haben sich die Biennalen weltweit multipliziert, fast jedes Land besitzt heute eine eigene. Der singulären Bedeutung der Biennale di Venezia vermochte das bislang nichts anzuhaben. Und doch stellt sich in diesem Jahr die Frage, ob die Wirtschaftskrise womöglich Folgen für den großen internationalen Kunstauftrieb an der Lagune hat. Mehr Publikum denn je drängte am Eröffnungstag in die Giardini, als ob die gezeigten Werke als Garant dafür taugten, dass die Kunst in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit tatsächlich etwas zu sagen vermag.

Die Hoffnung wird enttäuscht. Die Kunst hat keine Antworten parat, nur Fragen. Die ungemütlichste wird ausgerechnet im deutschen Pavillon gestellt. Wie würden sie sich verhalten?, hat der britische Künstler Liam Gillick seine Installation genannt – einer der umstrittensten Länderbeiträge. Der Künstler habe sich blamiert, sagen die einen. Wenigstens zum Nachdenken animiere er, urteilen die anderen. Den schlichten Küchenmodulen aus Tannenholz, die Gillick im leer geräumten Bau nebeneinander aufstellen ließ, ist Gedankenschwere jedenfalls nicht anzusehen. Ebenso wenig der ausgestopften Katze auf einem Regal, die – per Lautsprecher – ihre vermeintlichen Gedanken zum Besten gibt.

Sprengkraft besitzt diese banale Anordnung allemal, denn Gillick bewegt sich mit seiner Installation auf der Zeitskala hin und her. Der 1938 erbaute Pavillon ist klassische NS-Architektur, deren Grundlagen bei den Errungenschaften der Moderne, beim Bauhaus zu suchen sind. Vom Bauhaus leitet sich die Idee der Einbauküche ab, die Gillick zitiert. Die Architekturgeschichte des deutschen Pavillons hat die Künstler schon immer provoziert. Hans Haacke schlug Anfang der neunziger Jahre die Bodenplatten klein, und Isa Genzken erklärte ihn bei der letzten Biennale zur Baustelle, indem sie ihn mit Schutzvorhängen ummantelte. Diesmal wurde er zuvor saniert und erscheint zunächst wie eine harmlose Architektur, die für ihre Vergangenheit nicht haftbar gemacht werden kann. Gillick hakt trotzdem nach, indem er "Was wäre wenn?"-Fragen stellt. Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn die Moderne nicht in die Hände der Nazis gefallen wäre?

Die Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsort ist typisch für Venedig, denn die jeweilige Pavillonarchitektur repräsentiert eine Nation, während die Giardini für den Kunstbetrieb in seiner Gesamtheit stehen. Steve McQueen filmt deshalb die verlassenen Gärten in ihrer poetischen Wintertristesse. Baumaterial liegt herum, Hunde schnüffeln im Dreck, Strichjungen warten bei Dunkelheit auf Kunden. McQueen zeigt die andere Seite der Glamourkunstwelt. Wie gefährdet deren Sonnenseite ist, zeigt der dänische Pavillon, den das Duo Elmgreen & Dragset mit dem benachbarten Nordischen Pavillon als Sammlervilla eingerichtet hat. Sie steht zum Verkauf: Noch hängen als Kunst deklarierte Pappschilder von Bettlern an der Wand. Die Ironie wird von der Wirklichkeit eingeholt.

Die großen nationalen Pavillons präsentieren diesmal eher schwache Arbeiten. Bei den Russen pumpt Andrei Molodkin höchst symbolträchtig abwechselnd Öl und Blut von Überlebenden des Tschetschenien-Kriegs in eine gläserne Nike von Samothrake. Siege haben ihren Preis, so die banale Erkenntnis. Claude Leveque treibt das Publikum aus dem schwarz ausgekleideten französischen Pavillon mit Stahlgittern und wehenden Fahnen, indem er es akustisch bedröhnt. Seine Installation Le Grand Soir als Erinnerung an den Vorabend der französischen Revolution jagt einem kalte Schauer über den Rücken.

Miwa Yanagi veranstaltet im japanischen Pavillon einen schaurigen Hexentanz. Gigantische Fotografien von Frauen mit welken Brüsten und wilden Haaren gemahnen an den grausamen Alterungsprozess, den kein Voodoo und kein Hüpfen im Film aufhalten kann. Auch die USA überzeugen nicht. Die Retrospektive für Bruce Nauman kommt einfach zu spät, längst wird der Bildhauer und Konzeptualist von den großen Museen gewürdigt. Hier hätte man sich eine mutigere Entscheidung gewünscht.

Anregender die Kunst der kleineren Nationen. Zu den besten Inszenierungen zählt der holländische Pavillon mit Fiona Tans Filminstallation, die mit traumschönen Bildern auf den Spuren von Marco Polo wandelt und zugleich ihre eigene wechselhafte Biografie als Tochter einer Chinesin und eines Australiers thematisiert. Den Migranten ist auch Krzysztof Wodiczko im polnischen Pavillon gefolgt. Sie erzählen hinter transparenten Projektionswänden von ihren mühsamen Wegen ins gelobte Land. Zu den anrührendsten Orten gehört der finnische Pavillon, in dem Jussi Kivi die riesige Feuerwehrsammlung seiner Kindheit in den sechziger Jahren ausbreitet. Im Gegensatz zu dieser Spielzeugwelt stehen die russischen Fluchtanleitungen für den Bunker im Falle eines nuklearen Kriegs.