"Löset ihn auf und lasset ihn gehen", forderte Jesus, als er Lazarus von den Toten zurückkehren ließ. Lasset ihn gehen! Da sieht einer hellsichtig schon neue Drangsal heraufziehen. Eine berechtigte Befürchtung bis in unsere Tage, meinte Aleksandar Hemon und gab das Bibelwort seinem zweiten Roman Lazarus als Motto. Die Welt sei heute geteilt in Menschen, die ihrem Horror gerade noch entrinnen konnten, die irgendwo hin und hinein wollen und Menschen, die sie nicht lassen.

Als bosnisch-serbischer Immigrant gehört Hemon zur ersten Gruppe: Im Jahr 1992 reiste er kurz vor der Belagerung Sarajevos, glücklicher Zufall, in die USA. Er blieb. Und während seine Generationsgenossen in der Heimat Kriegsverbrechen verübten oder ihnen zum Opfer fielen, sah der 28jährige von außen zu und schrieb Kolumnen in einer Gesellschaft, die er gleichfalls vom Rand aus erlebte. Überlebend, aber ausgeschlossen aus zwei Welten, weil er deren Erfahrungen nicht teilte. Oder vermischt sich hier schon die Biografie des Autors mit dem Lebenslauf Vladimir Briks, dem larmoyanten und egozentrischen Erzähler des Romans?

Brik kam wie sein Autor 1992 in die USA. Er heiratete in "diesem düsteren Land", das ihm den Fremdblick aufzwingt: "Die Exportschlager meines Landes sind geklaute Autos und Traurigkeit." Rund ein Jahrzehnt nach der Ankunft will er den großen Coup landen: mit der Geschichte über den jüdischen Immigranten Lazarus Averbuch, die ihm in Form eines Bestsellers endlich die Eintrittskarte für die amerikanische Leistungsgesellschaft verschaffen soll. Wie durch ein Wunder war das Kind Lazarus 1903 dem Pogrom in der heutigen Hauptstadt Moldawiens, Chişinău, entkommen.

Die Auferstehung währte kurz. Fünf Jahre später erschoss der Polizeipräsident Chicagos den Jungen vor seiner Haustür. Der Grund: Er verdächtigte ihn des Anarchismus, der Teilhabe an einer terroristischen Vereinigung, wie es heute heißen würde. Nach seiner Tötung begann der Spießrutenlauf für Lazarus‘ Schwester Olga, von dem Brik erzählt.

Hemon alias Brik entwirft Chicago wie Upton Sinclair 1905 in seinem Roman Im Dschungel als rechtsfreie Hölle der Immigranten, und wie Sinclair beruft er sich auf Fakten: Der Fall "Averbuch" heizte die Stimmung 1908 an, als die amerikanische Gesellschaft gegen die "Anarchisten" im Land aufrüstete. Der Roman im Roman vermeidet jede Distanz. Das infame Unrecht und die auf Auflagenzahlen schielenden antisemitischen Hetzartikel der Presse rücken hautnah, und doch schaut man mit gebundenen Händen Seite um Seite zu.

Hemon ist gewieft. Denn so bereitet er den Boden für die beiden anderen Handlungsstränge und Zeitebenen – Bosnien 1992 und die Welt nach dem 11.9.2001. Die medialen Manipulationsmechanismen muss er kaum noch andeuten, so sensibel sind die Nerven dafür durch das Schicksal der Averbuchs. Beiläufiger, kaltschnäuziger wird auf den beiden anderen Ebenen erzählt, das biblische Pathos mit leeren Weisheiten vertauscht wie: "Niemand hat den Tod verdient, aber jeder kriegt ihn." Das liegt am etwas geistlosen Erzähler Brik, der im Gegensatz zu Lazarus nicht das Herz der Leser rührt und manchmal ziemlich nervt.

Die Zeiten haben sich geändert, sagt die Sprache des Romans: Es sind unsere. Nur die Konstruktionen von Feindbildern, ob sie sich nun gegen Juden, Muslime oder Amerikaner richten, sind die alten geblieben. Zählebig wie "alte Gewohnheiten" seien sie Wegbereiter für Kriege und Morde, suggeriert Hemon. Dem setzt er Unwissen entgegen: "Zeit und Ort sind die einzigen Dinge, deren ich mir sicher bin: 2. März 1908, Chicago. Alles andere liegt im Dunst der Geschichte und des Schmerzes, und jetzt stürze ich mich kopfüber hinein." Hemons Montage von Erzählungen, Briefen, Presseberichten und Fotografien zeichnet den Mechanismus der Gewaltspirale nach. Er ist übertragbar, und an seinem Anfang steht die Lust am Stereotyp.