Friedrich Klumpp hat Lampenfieber. Denn heute meint es der Himmel nicht gut. Graue Wolken hängen wie Grabsteine vom Himmel. "Für die erste Schlemmerwanderung hatte ich mir einen schöneren Start gewünscht", sagt der Gastwirt und Koch. Die 20 Gäste sind jedoch mit bunten Goretex-Jacken, Regenschirmen und  Wanderschuhen bestens gerüstet und entschlossen, dem Wetter zu trotzen.

Rauschbeeren sind Heidelbeeren ähnlich, schmecken aber nicht ganz so gut - dies und vieles mehr bringt "Wanderkoch" Friedrich Klumpp interessierten Wanderern bei

 In Baiersbronn spielt der Himmel eine große Rolle. Sieben Michelin-Sterne glänzen über dem Städtchen und seinen zehn Ortsteilen im nördlichen Schwarzwald. Nirgends sonst in Deutschland ist die Sterneköchedichte so hoch. Darauf darf man sich einiges einbilden. Die Urlaubsbroschüre protzt: "Mehr Schwarzwald gibt’s nirgends" lautet das Motto. Neben der Gastronomie wartet der Ort mit dem "Baiersbronner Wanderhimmel" auf. Die – nach Stuttgart flächenmäßig größte Gemeinde in Baden-Württemberg – ist stolz auf  ihr 550 Kilometer umfassendes Wanderwegenetz. Und da Wandern bekanntlich hungrig macht, liegt es auf der Hand, Wandern und Schlemmen miteinander zu verbinden.

Hotelier Klumpp bietet seinen Gästen deshalb mehr als gutes Essen. Er schnürt sogar mit ihnen die Wanderschuhe. Vor einer Woche noch war er fünf Tage auf der 66 Kilometer langen "Murgleiter" unterwegs. Heute soll es gemütlicher werden: Nur sieben Kilometer sind eingeplant. Das soll vier Stunden dauern. Schnuppern, Schlemmern, Staunen inklusive. Eins stellt Klumpp von Anfang an klar: "Wir machen keinen Kochkurs im Wald." Jeder Gang wird Stück für Stück erwandert, das Essen aber fährt auf Rädern vor und das Tischlein steht gedeckt im Walde, wenn die Hungrigen eintreffen. 

Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, zupft Friedrich Klumpp bereits erstes Grünzeug vom Wegesrand. Und nach zehn Minuten ist klar, weshalb sich das Ganze Schlemmerwanderung nennt. Auf dem Parkplatz Höferköpfle angekommen, öffnet sich ein Panoramablick auf Baiersbronn, der einer kitschigen Postkarte entstammen könnte – wäre denn das Wetter besser. Das Essen wartet bereits mit dem ersten Tischlein-Deck-Dich vor Ort. Ein Apéro, Sekt mit Holunderblütensaft, wird von Mitarbeiterin Kathrin gereicht. Dazu gibt es das Lieblingskraut des Wanderkochs: frische Brunnenkresse, mit Quark zubereitet,  auf Baguette gestrichen.

Nächste Kostprobe, die grüne Ranke vom Ortsrand: "Erst reiben, dann riechen." Manch einer rümpft die Nase. Ein strenger Geruch. Wen wundert’s, das Kraut ist eine Knoblauchrauke. Während Kathrin eifrig Brunnenkressebrötchen serviert und Sekt nachschenkt, gehört die Aufmerksamkeit des Chefs bereits dem Wiesenboden nebenan. "Roter Wiesenklee, Sauerampfer, Frauenmantel, Spitzwegerich, Wiesenschaumkraut", erläutert Klumpp seine Ausbeute.  Auch Löwenzahn ist dabei. Dass einheimische Kräuter fürs Kochen wieder an Bedeutung gewinnen, freut Klumpp, denn es passt zu ihm, dem bodenständigen Schwaben.

Es geht weiter. Ein schmaler Pfad führt in den Wald hinein. "In der Küche", berichtet er, "geht es oft so stressig zu." Im Wald findet er seine Mitte. "Das ist Seelenbalsam." Und wieder hat er etwas Grünes in der Hand. "Adlerfarn", erklärt Klumpp und hält ihn in die Runde, so dass jeder von den zartgrünen Knospen probieren kann. Aber nur von den ganz jungen, deren Spitzen noch eingerollt sind. "Nussig, wie Buttermandel.". "Bitter, wie Walnüsse", "Mich erinnert das an Marzipan, wenn man es länger kaut", lauten die Meinungen.