Wer den Ellis Park im Zentrum Johannesburgs erreichen will, muss viel Zeit einplanen. Straßensperrungen und Baustellen blockieren den kürzesten Weg. Das Gedröhn von Presslufthämmern hallt durch die Straßenschluchten, Arbeiter klettern durch Baugruben, sie haben noch viel vor. Am Stadion ist die Lage ähnlich chaotisch: Leitungen werden verlegt, Geländer montiert, Monitore angebracht. Die Mitarbeiter in ihren blauen Windjacken sind überfordert, doch sie strahlen Gelassenheit aus. "Alles läuft, keine Panik", sagt eine Frau und greift ihr Funkgerät. "Wir haben etwas Großes vor, etwas sehr Großes."

An diesem Sonntag beginnt im Ellis Park der Confederations Cup, Südafrika leitet gegen den Irak (16 Uhr, DSF) die Generalprobe für die Weltmeisterschaft in einem Jahr ein. Glaubt man den Südafrikanern, ist die WM am Kap nicht nur ein Sportereignis. Sie ist der Versuch, der Welt zu zeigen, dass Südafrika mehr zu bieten hat als den düsteren Grat zwischen Mord, Armut, Rassismus und Aids. "Wir schaffen eine neue Gesellschaft, eine neue Nation", sagt Danny Jordaan, der Chef des Organisationskomitees. Eine WM, ein Versprechen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Sportereignis als Zukunftsbeschleuniger für ein ganzes Land gedeutet wird. In Johannesburg ist noch von einer größeren Dimension die Rede. Afrika, der vernachlässigte Kontinent, soll im Rampenlicht stehen wie nie zuvor. "Wir wollen in der Weltwirtschaft eine Rolle spielen", sagt Jordaan. Er hofft, dass die vielen Investoren nach der WM nicht so schnell verschwinden, wie sie gekommen waren, und er hofft auch, dass aus Gelegenheitsbesuchern mit Fußballtrikots Langzeitliebhaber werden. Statt acht sollen bald zehn Millionen Touristen nach Südafrika pilgern.

So steht es in vielen Broschüren, so wird es auf Pressekonferenzen verkündet. Doch die Wirklichkeit ist weniger bunt und pathetisch: Wer sich mit dem Auto beharrlich durch Johannesburg arbeitet, die zehrenden Staus hinter sich lässt, passiert nicht nur Villen, die umgeben sind von mannshohen Elektrozäunen. Zwischen Wohlstand und Elend liegt oft nur ein Straßenzug. Die Fahrt führt entlang der Townships, vorbei an heruntergekommenen Baracken und Müllhaufen, jenen Armenvierteln wie Soweto, Alexandra oder Hillbrow, in denen Gesetze nicht viel bedeuten. 50 Morde, 150 Vergewaltigungen, 530 Überfälle: die Schreckensbilanz in Südafrika. Tag für Tag.

Die Organisatoren und die Gutelaunefürsten des Weltfußballverbandes Fifa gehen in die Offensive, Zweiflern begegnen sie mit Zahlen: 40.000 Polizisten, 60.000 Überwachungskameras, eine neue Hubschrauberstaffel sollen die erwarteten 450.000 internationalen Gäste im kommenden Jahr durch die WM begleiten. Eine Gewähr haben sie nicht: "Die Fifa kann Südafrika nicht in ein sicheres Land verwandeln", sagt dessen Generalsekretär Jerome Valcke. "Aber wir garantieren, dass die Spiele sicher sein werden." In diesen Tagen reisen lediglich 5000 Fans aus dem Ausland an, um die sieben Gästeteams zu unterstützen. Brasilien, Italien, Spanien, USA, Ägypten, Irak, Neuseeland – womit die Generalprobe nur ein Generalpröbchen ist.

Die Sicherheit wird das brisanteste Thema bleiben, nachdem die Sorge um die Stadionbauten geschwunden ist. Spätestens im Dezember sollen die letzten der sechs neuen und vier sanierten Arenen übergeben werden. Dass die Kosten am Ende weit höher sind als kalkuliert, wird als ärgerlich, aber nicht als katastrophal angesehen. Viele Milliarden steckt die Regierung in die Modernisierung von Flughäfen, Straßen, Tunnel oder Zugstrecken. Ein Fortschritt für die südafrikanische Wirtschaft, die zum ersten Mal seit siebzehn Jahren in einer Rezession steckt. "Dem Fußball sei Dank", sagt Organisationschef Danny Jordaan.

Viel ist von den Errungenschaften noch nicht zu sehen. Die Schnellbahn, die den Flughafen in Johannesburg mit dem noblen Viertel Sandton verbinden soll, ist nicht fertig. Das neue Bussystem muss sich gegen die mächtige und gewaltbereite Taxibranche wehren, die um ihren Profit fürchtet. Nahverkehrssysteme gibt es nicht. Die Autobahnen, die zusammen nicht länger als 2000 Kilometer lang sind, in einem Land, das dreimal so groß ist wie Deutschland, werden ebenfalls kaum hilfreich sein. Auch die Übernachtungskapazitäten dürften 2010 nicht annähernd reichen. Nachbarländer wollen einspringen.

Wie wird Südafrika der Welt in Erinnerung bleiben? Als begehrtes Tourismusziel oder als zerrissenes Land, das die Folgen der Apartheid nie ausreichend verarbeitet hat? Der Confederations Cup kann darauf noch keine Antworten geben. Zumindest keine positiven. Sollte es zu Vorfällen kommen, würden die Sorgen im Ausland weiter wachsen. Am Ellis Park ist davon keine Rede, die Hektik, der Lärm und die Vorfreude lassen dafür keine Zeit.