Die Bühne droht zu zerreißen, Risse durchziehen wie Blitze den Boden, zerstückeln das gerade noch Weiße, Wüstenhafte unter den Füßen der Tänzerinnen und Tänzer. Eine von ihnen bleibt allein zurück und setzt zum Solo an. Ihr weißes Kleid ist wie Wind, der den Körper umspielt, wie weiß angemalter Rauch. Bedrohlich werden die Risse um sie herum größer. Sie tanzt, als gäbe es diese tiefen, bis in die kühlen Keller des Theaters reichenden Spalten auf der Bühne nicht. Mühelos schwebt sie von etwas Unsichtbarem getrieben durch den Raum, bis das ganze Ensemble – die Frauen in flirrenden Farben – wieder erscheint und die Party der Geschlechter feiert, die Party der Paare und Probleme.

Spätestens jetzt wird man sich nicht mehr im Wuppertaler Opernhaus glauben, das wie ein kleiner Kaninchenbau zwischen dem betonfreudigen Wuppertaler Neubau wirkt und wo man  nur mit schwer erkämpften Eintrittskarte in ein wunderliches Land hineinfallen kann. In das Land der Pina Bausch.

Das Publikum selbst ist schon eine Inszenierung: Neben Tanz-Größen wie Malou Airaudo tummelt sich im Wuppertaler Wunderland eine internationale Fangemeinde des Balletts. Heute sind die Regeln andere, das Stück, das auch gar keinen Namen braucht, beginnt erst einmal eine halbe Stunde später als geplant und das Programmheft, entfaltet man es, schenkt nur eine fotografierte Panoramaansicht einer Blumenwiese und einer Wüstenlandschaft.

Bilder, die die auf der Bühne gespielten Naturgewalten des Zwischenmenschlichen illustrieren. Die Tänzerinnen werden von den Männern umgarnt und verfolgt, sie verfallen während ihrer Solis wieder und wieder in Einsamkeit. Sie zweifeln an sich, hadern mit dem Himmel und kämpfen mit diesem verdammt großen, leeren Bühnenraum. Männliche Solis gibt es natürlich auch. Schwarz gekleidet, einheitlicher treten die Tänzer des Stückes auf. Die Intensität ihrer Interpretation, ihrer Genauigkeit und ihrer Körpersprache ist nicht weniger atemraubend. Das Ensemble, deren Tanz wie eine Transkription von Tönen in Bewegung erscheint, macht den Bausch-Fans nur Geschenke.

Das Stück verzichtet auf eine dramatisch gestützte Handlung, ohne einen wirklichen Plot reiht Pina Bausch, die noch mit fast 69 Jahren inszeniert und choreografiert, Episoden, tänzerische Abläufe und theatralische Bilder assoziativ aneinander. Das führt dazu, dass sich der Zuschauer in jedem Bild selbst etwas suchen, und selbst Assoziationen zu den Bildern hinzu denken darf und muss. Nichts ist nicht zu verstehen, weil sich alles auch aus der eigenen Erfahrung schöpft.

Zentrum des Stücks scheint die Auseinandersetzung mit den Rollenbildern von Mann und Frau zu sein, die sich aufweichen, verhärten, verwischen. Es ist ein versöhnliches Thema bei Pina Bausch. Kein Tod, kein großes Drama, eher sind es sanft herausgearbeitete Rollenklischees. Und das Stück hat neben Poesie und Fragilität im Tanz, auch dramatische Momente und bisweilen Witz. Pina Bausch inszeniert, die Tänzer erzählen ihr Anliegen in solchen Momenten sehr lustig weiter.

Als der Macho die Reihe an Frauen mit immer den gleichen Worten begrüßt, ist zum Beispiel ein solcher Moment. Oder als der Nebenbuhler dem Liebhaber ein Portemonnaie vor die Füße wirft, um ihn einen Augenblick lang abzulenken, und dessen Geliebte küsst.

Das Versöhnliche und rund Geschliffene könnte das Publikum etwas verärgert haben, jedenfalls gab es einen hartnäckigen Buh-Rufer, den man aber so schnell nicht identifizieren konnte.

Bausch inszenierte das Mann-Frau-Stück wie einen Kreislauf: Dem Anfang wohnt das Ende, dem Ende der Anfang inne und so steckt auch in jedem Augenblick ein bisschen Abschied.