Der Kanzlerkandidat hat gegeben, was er konnte. Die Delegierten haben geklatscht, was die Hände hergaben. Und sie meiden jeden Streit über das Wahlprogramm: Die SPD präsentierte sich auf ihrem Parteitag – trotz schlechtester Vorzeichen – nicht niedergeschlagen, sondern trotzig, kämpferisch und geschlossen.

Frank-Walter Steinmeier hat aus der schwierigen Situation, in die seine Partei nach dem vernichtenden Ergebnis der Europawahl geschlittert ist, mit einer starken Rede das Beste gemacht und die Partei hoch gerissen. Doch die entscheidende Frage lautet: Reicht das, um die sozialdemokratische Depression zu vertreiben und das Rennen um das Kanzleramt wieder offen zu gestalten?

Eines hat der Parteitag jedenfalls gezeigt: Die SPD wird sich nicht kampflos ergeben. Und die in den vergangenen Tagen so ratlosen Parteistrategen können sich auch damit trösten, dass auch die Union trotz deutlicher besserer Umfragewerte alles andere als optimal aufgestellt ist; schließlich hat sie am vergangenen Sonntag deutlich verloren, Schwarz-Gelb hat unter dem Strich nicht hinzugewonnen. Zudem wird die Krise sicher noch die eine oder andere Überraschung für die Wahlkämpfer aller Parteien bereithalten. Entschieden ist also - selbst wenn es im Moment so aussehen mag – noch nichts.

Den Grundton der Auseinandersetzung dieses Sommers hat Steinmeier vorgegeben: wir oder die, SPD oder Schwarz-Gelb, soziale Gerechtigkeit oder machtradikale Ideologen. Die SPD will im Wahlkampf polarisieren und die Wähler zu einer Richtungsentscheidung zwingen.

Andererseits konnte der Parteitag jedoch einige entscheidende strategische Schwächen der SPD und ihres Kandidaten nicht verdecken. Die massive Abstinenz potentieller SPD-Wähler, die sich bei der Europawahl erneut zeigte, liegt nicht ja nur an deren Desinteresse an Europa, sondern auch an der programmatischen und strategischen Unentschiedenheit der SPD. Im Europawahlkampf hat die SPD versucht, dies hinter lautstarkem Krisen-Aktionismus zu verstecken. Das ist gründlich schief gegangen.

Trotzdem hat Steinmeier den Parteitag nicht dazu genutzt, um zumindest vorsichtig eine Kurskorrektur einzuleiten. Vielleicht war die Zeit dazu kurz, vielleicht hätte alles andere als ein lautstarkes "Weiter so" die Partei noch mehr verunsichert. Aber will die SPD die Stimmung unter den Wählern tatsächlich noch wenden, dann werden die Partei und ihr Kandidat in den nächsten Wochen und Monaten wesentlich deutlicher machen müssen, wohin sie die Republik steuern wollen.

Vor allem aber werden sie die eigenen Schwächen angehen müssen. Da ist zunächst der Kanzlerkandidat. Steinmeier hat auf dem Parteitag demonstriert, dass er kämpfen kann. Aber authentisch wirkt noch immer nicht. Er ist noch viel zu sehr ein Kandidat, dem die Parteistrategen ein bestimmtes Image aufdrängen und hinter dem der Mensch Steinmeier, mit seinem eher ausgleichenden Wesen und seinem nüchternen norddeutschen Charme, weitgehend verschwindet.