ZEIT ONLINE: Frau Wefers, Sie leiten eine der ältesten Bibliotheken dieses Landes, und Sie sagen, Digitalisierung rettet die alten Bestände?

Sabine Wefers: Das kann man so sagen: Der Gründungsbestand der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena ist das, was Friedrich der Weise mit seiner Hofbibliothek um 1500 begonnen hat. Und ich sage, dass wir uns um beides kümmern müssen: Um die Bewahrung des Originals und um die digitale Aufbereitung. Der Bundespräsident hat 2007 gesagt, wir müssen Bibliotheken als Gedächtnis der Menschheit sicher bewahren, ein Topos, den bereits Goethe formuliert hat – die Gleichsetzung einer Bibliothek mit einem gebrauchsfertigen Speicher.

Das aber genügt heute nicht mehr, wir müssen Kulturgüter lebendig präsentieren und dazu reanimieren. Das geschieht einerseits durch das Bild im Netz. Andererseits aber auch durch die Inszenierung des Originals.

Es ist erhebend, hier vor der Bibliotheca Electoralis zu stehen, einem Superlativ der Wissensgeschichte in der Mitte des 16. Jahrhunderts, mit der Luther und Melanchthon gearbeitet haben und die Goethe 1817 reorganisiert hat. Da kann man beim Öffnen eines Buches die Vorstellung entwickeln, ein Haar von Goethe zu finden oder eine Randnotiz von Luther. Das berührt. Aber das allein ist nur eine Seite. Die andere Seite ist, die Interpretation dieses Wissens nicht nur denen zu ermöglichen, die vor Ort die Quelle einsehen können. Sondern es von jedem Ort der Welt zugänglich zu machen.

ZEIT ONLINE: Trotz dieser Vorteile verbinden sich aber große Ängste mit der Digitalisierung, oder?

Wefers: Angst? Nein. Ich denke, es ist eine Sorge, dass das Bewusstsein für das Echte verloren gehen könnte. Daher sage ich, es braucht beides: die Originale und die digitale Aufbereitung als Chance für die Forschung. Wenn man diese Chance ergreift, ist eine ganz neue Art der Arbeit möglich, die mit den Originalen nicht machbar wäre. Indem man Quellen digitalisiert und wissenschaftlich aufbereitet, sie um weitere Quellen ergänzt, ergibt sich eine völlig neue transdisziplinäre Forschung. Sie können Bild oder Ton hinzugeben, Sie können es zeigen, Sie können es erklären, Sie können es in der ganzen Welt diskutieren. Konventionell ist das nicht realisierbar. Die herkömmliche Forschung ist an den Ort gebunden. Dank Digitalisierung gibt es völlig neue Formen der Zusammenarbeit.

ZEIT ONLINE: Hat nur die Forschung etwas von diesem Prozess oder auch der gemeine Nutzer, der von solcher Datenmasse eher erschlagen würde?

Wefers: Georg Rörer, ein Wegbegleiter Luthers, hat bereits daran gearbeitet, Luther zu einem Ereignis zu machen. Wenn Melanchthon beispielsweise in seinen Vorlesungen vergessen hatte, Luthers Thesenanschlag zu erwähnen, hat Rörer das handschriftlich nachgetragen. Wir haben in unseren Quellen eine solche Notiz gefunden, die weltweit bei ganz unterschiedlichen Menschen auf Interesse stößt.

Ich sehe in der kontextbezogenen Aufbereitung von Quellen eine Chance, Menschen eben diesen Kontext erkennbar zu machen. Wenn Sie unverbundene Dinge ins Netz stellen, bei denen der Zusammenhang fehlt, halte ich das nicht für hilfreich.

ZEIT ONLINE: Ist es denn überhaupt leistbar, ganze Bibliotheken nicht nur abzufotografieren und zu digitalisieren, sondern gleich aufzubereiten und zu bewerten?