Manche nannten ihn einen unruhigen Geist – weil er beunruhigte. Andere hielten ihn für unstet – weil er stetig seinen eigenen Kurs verfolgte. Etliche klebten ihm das Etikett schillernd auf – weil sie seinen funkelnden Geist verkannten. Ralf Dahrendorf war Hochschullehrer, Politiker, Eurokrat, Universitätsrektor. Immer aber blieb er ein Intellektueller. Für ihn galt das umgekehrte Cogito, ergo sum: "Ich bin, also denke ich."

Und er hat viel gedacht. Als Soziologe über Staat und Gesellschaft in Deutschland; als Liberaler über das Verhältnis von sozialer Bindung, Selbstbezogenheit und Solidarität; als Demokrat über Konflikt und Freiheit; als Europäer über die europäische Einigung; als Weltbürger über die Verteidigung des Projekts Aufklärung wie des Projekts Moderne. Seine klare Stimme hat in den mehrerlei Welten, in denen er sich mühelos bewegte, mehr Beachtung gefunden als die irgendeines anderen Deutschen seiner Generation.

Sein ganzes Leben lang war er ein Grenzgänger. Als Ralf Dahrendorf wurde er in Hamburg geboren, als Lord Dahrendorf, Baron of Clare Market in the City of Westminster, saß er seit 1993 im britischen Oberhaus. In Deutschland und England hatte er studiert, in Deutschland und England hat er gelehrt. Auf Deutsch wie auf Englisch schrieb er mit gleich bestechender Brillanz.

Immer ging er an Grenzen, oft überschritt er sie. Als fünfzehnjähriger Schüler verteilte er Flugblätter gegen die Untaten der SS; zwei Monate saß er danach im Lager Schwettig, wo er zuweilen bei Hinrichtungen zusehen musste. Nach dem Kriege gehörte er zwanzig Jahre der SPD an, dann war er zwanzig Jahre in der FDP.

Aus der Hochschule ging er in die Politik, wurde Parlamentarischer Staatssekretär im Bonner Auswärtigen Amt und EU-Kommissar in Brüssel. Aus der Politik trieb es ihn danach zurück an die Universität; zehn Jahre lang war er Rektor der London School of Economics, danach Warden von St. Antony in Oxford. Sein ganzes Leben als Bürger seiner drei Vaterländer Deutschland, England, Europa war an Grenzen angesiedelt.

Seine Sentenzen sind Legion und Legende. "Wer die Freiheit einzuschränken beginnt, hat sie aufgegeben und verloren" – "Lebenschancen sind mehr als Konsummöglichkeiten" – "In Deutschland stört mich die bleierne Hand der Bürokratie". Und er, der mit Rudi Dutschke disputierte, wie er später mit konservativen Lords diskutierte, kannte keine Scheu, sich mit allen anzulegen: mit blutleeren Politikern, mit bürgerfernen Euro-Mandarinen und mit wankelmütigen Demokraten. Nicht immer lag er richtig. Aber die Helligkeit seines Geistes hat viele Felder beleuchtet, auf denen die Zeitgenossen nach Wegen in die Zukunft suchen.

Ralf Dahrendorf war ein Freund der ZEIT seit über 30 Jahren: Autor, Mitarbeiter, Mitdenker, Anstoßgeber. In seiner Biographie des ZEIT-Gründers Gerd Bucerius hat er ein eindrucksvolles Stück deutscher Pressegeschichte geschrieben. Sein wissenschaftliches Temperament und seine politische Leidenschaft verhalfen ihm zu einer öffentlichen Wirkungsmacht, wie sie kaum je ein Gelehrter, kaum je ein Politiker erreicht.

Am 1. Mai war Ralf Dahrendorf achtzig Jahre alt geworden, gefeiert, doch schon schwer vom Krebs gezeichnet. Nun hat er, der ewige Grenzgänger, die letzte Grenze überschritten.