Popgeh statt Popkomm – Seite 1

Die Popkomm ist tot. Endlich, könnte man sagen. Denn das Siechtum der Messe war in den vergangenen Jahren kaum mitanzusehen. Spätestens seit ihrem Umzug von Köln nach Berlin im Jahr 2003 glich die Musikmesse einem Sterbenskranken, der sich nur mühsam ins nächste Jahr schleppen konnte.

Graues Resopal und Tapeziertisch-Ästhetik, wo in den Neunzigern noch rauschende Partys gefeiert worden waren. Leiernde Musik aus Kassettenrekordern, wo in den guten Tagen noch eine Krachpolizei mit Messgeräten kontrollieren musste, ob die Soundsysteme an den Ständen nicht etwa zu viel Klang ins Publikum pusteten.

Die ganze Popkomm der Berliner Jahre war ein Synonym für den Zustand der Musikindustrie: beinahe verhungert, ausgemergelt, grau.

Jetzt ist die Messe von ihrem Elend erlöst. In diesem September wird sie sich nicht mehr aufraffen. Wegen zu geringer Anmeldezahlen, aber auch als Protest gegen illegale Musikdownloads aus dem Internet. So zumindest begründet Dieter Gorny, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie, die Absage.

Es sei den Musikpiraten anzulasten, dass sich immer weniger Firmen die Teilnahme an der Messe leisten können, sagt Gorny. Die Politik müsse endlich handeln, um "den Diebstahl geistigen Eigentums im Netz zu stoppen".

Kein Wort von den Fehlern der Musikindustrie, davon dass sie sich in den vergangenen Jahren immer weiter vom Markt und von ihrem Publikum entfernt hat. Gorny und seine Freunde haben tief geschlafen, als sich das Musikgeschäft ins Internet verlagerte. Sie träumten davon, unbesiegbar zu sein. Schließlich hatte der Erfolg der CD ihnen viel Geld gebracht, und Billigmusik Made in Germany war in den Neunzigern weltweit gefragt: Bands wie Snap oder Mr. President eroberten die Charts selbst in Amerika, auch vom Boyband-Boom bekamen die Deutschen ihren Anteil ab.

Freilich war die Branchenmesse Popkomm, damals noch in Köln, ein Spiegelbild dieser Verhältnisse. Eine Art Loveparade der Popindustrie, eine Messe, auf der die Aussteller mit Werbegeschenken um sich schmissen und man sich am Sony-Stand die Haare schneiden lassen konnte, weil es so schön flippig war.

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Aber nicht alles war schlecht in jenen Tagen: Während der Messezeit war Köln nur noch Popkomm. Im Taxi oder per Fahrrad zog man nachts im Verkehrschaos von Klub zu Klub. Auf den Kölner Ringen präsentierten die Plattenfirmen ihre Künstler auf zig Bühnen gleichzeitig. Den großen Musikkonzernen ging es blendend, und sie zeigten es.

Die Downloads kamen genau in diesen Jahren auf. Und sie hätten die Labels etwas lehren können: Da gab es einen neuen Vertriebsweg, einfach, profitabel. Keine Vertreterbesuche bei Musikalienhändlern mehr, keine Kosten für Pressungen und für den Transport in die Läden. Und keine Chance für den Konsumenten, den Kauf noch einmal zu überdenken: Wer nachts um zwei sentimental an einen Song dachte, der hätte ihn sofort herunterladen können, wenn die Industrie rechtzeitig einen funktionierenden Online-Vertriebskanal aufgebaut hätte. Umtausch ausgeschlossen.

Aber warum etwas anders machen, wo doch das CD-Geschäft gerade so gut lief? Das Internet nahmen und nehmen die großen Plattenfirmen daher zumeist als Bedrohung wahr. Und in der Abwehrschlacht ließ die Musikindustrie kaum Gelegenheiten aus, um sich bei ihren Kunden unbeliebt zu machen: Sie presste Kopierschutzmechanismen auf die CDs, die vor allem legale Käufer am Musikhören hinderten. Sie scheiterte über Jahre an der Aufgabe, ein eigenes Online-Angebot zu schaffen, das mit den Tauschbörsen konkurrieren konnte. Sie überzog diejenigen mit absurd hohen Schadensersatzforderungen, auf deren Festplatten eine Hand voll illegaler Downloads gefunden wurden. Und sie hatte kurz zuvor so sehr mit ihrem Reichtum geprotzt, dass nur wenige Mitleid hatten mit der geschockten Branche.

In den Pressemitteilungen der vergangenen Jahre versuchten die Promoter der Popkomm noch tapfer, den Anschein aufrecht zu erhalten, alles sei in Ordnung. Sie sprachen von Ausstellerrekorden und ausgebuchten Flächen, lobten die eigene Bedeutung für die Musikszene. Dabei reichte ein kurzer Spaziergang durch die Hallen, um zu erkennen, dass das alles gelogen war.

Einst sollte die Popkomm eine Kontaktbörse für Musiker und Firmenvertreter sein, eine Messe, auf der man Demotapes abgeben und mit Talentsuchern Biertrinken konnte. Auf die Idee, die Tradition wiederzubeleben oder spezielle Bereiche für junge Unternehmen zu schaffen, kam in den vergangenen, traurigen Jahren allerdings niemand mehr. In diesem Jahr sollten zehn Meter Messestand 2500 Euro kosten. Vor allem den kleinen Firmen fehle das Geld dafür, sagt Dieter Gorny. Mehr fällt ihm dazu nicht ein.

Ach, doch: Die Politik müsse entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Eine bekannte Forderung in diesen Zeiten. Ist der Betrieb am Boden, soll der Staat ihn wieder aufrichten.

Vor einigen Jahren hieß es in einer Popkomm-Podiumsdiskussion: "Popmusik wird von der Wirtschaft gemacht." Der Tomte-Sänger Thees Uhlmann korrigierte damals: "Popmusik wird von Musikern gemacht." Dieses Missverständnis könnte die Popkomm dahingerafft haben. Im nächsten Jahr will sie als Zombie wieder auferstehen.

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