Es war das erste Mal in seinem Leben, dass Darius nicht vor den Sittenwächtern weggerannt ist. Er stand inmitten einer Großdemonstration auf dem Platz der Revolution in Teheran. Reckte seine Fäuste in den Himmel und schwenkte ein grün bemaltes Betttuch. Grün wie die Hoffnung, grün wie die Parteifarbe von Mir Hussein Mussawi, dem gemäßigten Präsidentschaftskandidaten, dem Darius seine Wahlstimme gegeben hatte.

Einen Tag nach dem Protestmarsch sitzt Darius in seinem Lieblingsrestaurant im Zentrum von Teheran und zerlegt einen Kebab-Spieß mit der Präzision eines Chirurgen. Sein marineblaues Sakko verschmilzt mit den türkisfarbenen Kacheln an der Wand. Darius will ein alkoholfreies Bavaria-Bier bestellen, der Kellner übersieht ihn.

Darius ist geübt darin, nicht aufzufallen. Er ist schwul, und auf Homosexualität steht in Iran die Todesstrafe. Mehr als 4000 Männer, die Männer lieben, wurden seit der Islamischen Revolution an Baukränen erhängt. Darius lebt in ständiger Angst vor dem Regime. Doch als der Verdacht aufkam, dass Ahmadineschad das Wahlergebnis gefälscht hatte, fühlte auch Darius sich betrogen. Er wollte sich nicht länger verstecken und demonstrierte. Er ging für Gerechtigkeit und mehr Freiheiten im Alltag auf die Straße.

Auch unter Mussawi als iranischem Präsidenten würde es keinen Christopher Street Day in Iran geben, keine Aids-Schleifen oder Gay-Clubs. Trotzdem erhoffte Darius sich von dem Reformer eine verbesserte Situation für die Schwulen im Land. "Mussawi hat uns Presse- und Meinungsfreiheit versprochen", sagt er. Das könnte nach und nach zu größerer gesellschaftlicher Toleranz gegenüber Minderheiten führen.

Seine Meinung frei zu äußern, wagt Darius bisher nicht einmal vor seiner Familie. Sein Großvater war Ajatollah, ein geistlicher Kleriker, und seine Eltern würden ihn persönlich ins Gefängnis schleppen, wenn sie wüssten, dass ihr Sohn homosexuell ist. Das weiß er, weil sein Vater es einmal beiläufig in einem Nebensatz sagte. Seitdem lässt Darius vor ihm hin und wieder ein paar schwulenfeindliche Sprüche fallen. Nicht einmal sein Zwillingsbruder weiß, dass Darius auf Männer steht.

Darius zahlt und verlässt das Restaurant. Dämmerung liegt über der 14-Millionen-Einwohner-Metropole. In einer von Platanen gesäumten Einfahrt zu einem 50er-Jahre-Plattenbau biegt er ein. Er grüßt eine Nachbarin im Tschador, dann schließt er die Tür zu seinem Zweizimmer-Appartement auf. Das einzig Anheimelnde in seiner Wohnung ist ein schwerer Perserteppich auf dem Estrich. Darius lässt die Jalousien herunter und startet seinen PC.

Abends ist Darius oft alleine zu Hause und chattet mit anderen Schwulen im Internet. In Iran gibt es unzählige Homosexuellen-Portale, die von der Organisation Iranian Queer Railroad von Kanada aus betrieben werden. Manchmal sperrt die iranische Regierung eine Internetseite, dann erscheint ein gelbes Warndreieck auf weißem Grund: Zugriff verweigert.

Doch dafür eröffnet an anderer Stelle eine neue Website. Der Staat kann das weder verhindern noch kontrollieren. In dem Portal, in dem Darius unterwegs ist, sind 4.035 Schwule allein aus Teheran angemeldet. Jeder Beruf, jedes Alter und jede Gesellschaftsschicht ist vertreten. Selbst in religiösen Hochburgen wie Qom oder Maschad inserieren Homosexuelle, um die große Liebe oder ein schnelles Date zu finden.

Darius klickt auf die Besucherliste seines Profils. Das Passbild eines Jungen mit Locken und einer sympathischen Lücke zwischen den Schneidezähnen erscheint: 28 Jahre alt, 170 groß, Architekturstudent, romantischer Sex gesucht. Darius klickt auf den Papierkorb und löscht das Profil. Er sucht kein Abenteuer, sondern eine feste Beziehung, sagt er. Das ist ungefährlicher im Alltag.

Manchmal, wenn die Einsamkeit zu groß wird, trifft er doch einen Jungen aus dem Internet. Er verabredet sich irgendwo in einem Schnellimbiss im wuseligen Zentrum von Teheran, wo zwei flirtende Männer nicht auffallen. Doch einen Fremden zu treffen ist immer ein Risiko. Er könnte ein Spion von der Regierung sein.

Darius hat sich ein Zweithandy mit einer Telefonnummer zugelegt, die nicht offiziell registriert ist. Wenn er sich nach einem Date unsicher fühlt, wirft er die Sim-Card weg und ist damit nicht mehr auffindbar.

Von der Polizei wurde Darius nie gefasst, aber einmal ist er nur haarscharf einer Festnahme entkommen. Er war auf einer Feier in Isfahan eingeladen. Sie wurde spät nachts von den Revolutionswächtern gestürmt. Alle Gäste wurden eingesperrt, mit Stromkabeln blutig gepeitscht und mussten anschließend unterschreiben, dass sie sich nie wieder mit Homosexuellen treffen würden.

Der Gastgeber wurde nur deshalb nicht erhängt, weil der UN-Menschenrat eingegriffen hatte. "Unter Ahmadineschad haben die Verhaftungen und Todesurteile zugenommen. Das schüchtert ein. Aber wenn irgendwann die iranischen Schwulen auf die Straße gehen und demonstrieren, bin ich dabei", sagt Darius.