Als die letzte Premiere von Pina Bausch in Wuppertal zu Ende ging, war man sich nicht ganz darüber einig, was man da eigentlich gesehen hatte. Einerseits waren es ihre großen Themen, die da verhandelt wurden: die Ängste zwischen Mann und Frau, der Geschlechterkampf. Doch sie drängten so klar, so direkt in den Zuschauerraum wie selten. Und es gab auf einmal eine unbestimmte Ahnung von Liebe und der möglichen Versöhnung.

Vor gerade mal zwei Wochen, in Wuppertal, da war es, als wage die Choreografin einen gütigeren Blick zurück. Es war ein Geschlechterkampf ohne Vorwurf. Die Ästhetik aber war trügerisch. Unter den Tänzern zerbrach die Bühne, einsam trieben sie wie auf zerklüfteten Schollen. Es ging um alles: Zusammenfinden und wieder verloren gehen. Geburt und Abschied.

Es war das letzte Stück von Pina Bausch. Der Avantgardistin, der Widerständlerin, der Kultfigur des europäischen Tanztheaters, der bedeutendsten Choreografin der Gegenwart. Ihre Mischung aus Tanz und Theater, die vor den siebziger Jahren nicht denkbar gewesen wäre, hatte die gesamte Bühnenlandschaft revolutioniert. Moderner Tanz, das war ein Begriff, der sich vielleicht auf der Straße, nicht aber in den Perlenketten der Abonnementdamen auf den Rängen spiegeln sollte. Tanz, das hieß damals Ballett.

Pina Bausch war ein Ausnahmetalent. Anfang der sechziger Jahre kehrt sie vom New Yorker Studium zurück nach Deutschland. Nach Essen. Dort fühlt sie sich nicht ausgelastet, obwohl ihr tänzerisches Talent längst bekannt ist und sie am Folkwang-Ballett unter Kurt Jooss Solistin wird.

Sie sagte selbst: "Erst als ich aus Amerika zurückkam und als da eigentlich ein sehr großer Leerlauf war und ich mich unbefriedigt fühlte als Tänzerin – und eigentlich aus so einer Frustration heraus habe ich gedacht, vielleicht versuche ich mal, was für mich selbst zu machen. Aber nicht um Choreografie zu machen, sondern weil ich tanzen wollte."

Sie beginnt zu schreiben. Es entstehen Fragmente, kleine Choreografien. Sie beginnt, Fragen an die Stücke, an die Tänzer zu stellen. Sie streicht die Kälte des Balletts, das den Tänzer bis dahin nur als schwebendes, geisterhaftes Wesen zeigt, und kehrt es zu einer brutalen Klarheit der Körper. Ein ganz neues Verhältnis zwischen Bewegung und Körper entwickelt sich auf der Bühne: Der Tänzer wird zum menschlichen Wesen. Bereits hier beginnt die Verschmelzung von Tanz und Theater. Schon bald rümpfen konventionelle Ballettmeister die Nasen.

Bausch ignoriert die Kritiker, nimmt einen Drink, raucht eine Camel-Zigarette und arbeitet weiter. Als sie 1974 das Stück Iphigenie auf Tauris inszeniert und choreografiert, weigern sich gar die Musiker, jene neuen Ideen umzusetzen. Aber die Premiere wird ein internationaler Erfolg. Bausch denkt sich Stücke aus, und zwar aus dem Bedürfnis, jeden einzelnen Tänzer herauszuheben, was sonst mit den wenigen Hauptrollen und Ensembletänzern nicht möglich war.

Und sie geht noch weiter: Sie bezieht ihre Tänzer in die Stücke ein, befragt sie nach Ideen, Vorlieben, Erfahrungen. Noch später, als sie mit ihrem Wuppertaler Ensemble herumreist und von Rio de Janeiro über Paris, Mexiko, Hongkong, Indien, Palermo reist, schöpft sie aus den Beobachtungen Ideen für ihre Arbeiten.

Als Bausch 1975 Strawinskys Le Sacre du Printemps choreografiert, muss das Publikum mindestens verwirrt gewesen sein. Sie treibt ihre Tänzer zur körperlichen Erschöpfung, die sich dann im Schweiß und der über der Bühne verteilten Erde keuchend wälzen. Ihre Stücke wachsen von innen nach außen, statt von vorn nach hinten, erklärte sie. Sie, die in Interviews nicht so gern Fragen zu ihrem Werk beantwortet.

Es bleibt aber auch später in Wuppertal abenteuerlich, wenn das Premierenpublikum über dem Programmheft die Brauen hochzieht und nur "Neues Stück" lesen kann, während dieses hinter dem Vorhang schon längst gespielt wird. Bauschs Leidenschaft inspirierte Helmut Newton zu einer einzigartigen Fotografie, auf der ein Krokodil eine nackte, graziöse Frau verspeist. Ende dieses Jahres wollte auch Wim Wenders einen Film über die Grande Dame des Tanztheaters machen.

Das Sterben, dieser seltsame Abschied hinterlässt gerade in diesen Tagen eine Unwirklichkeit, als wären ein paar Koordinaten verloren gegangen, als hätte einen jemand zu sehr geschüttelt. Also malt man sich lieber aus, wie es der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder in seinem Roman 39,90 fantasiert: Die vorgeblich Verstorbenen sind wahrscheinlich nur auf einer hübschen Karibik-Insel, zusammen mit Michael Jackson, Elvis, vielleicht hat Dahrendorf auch Platz und jetzt die Königin des europäischen Tanztheaters.

Pina Bausch hätte nun, während sie sich eine Camel anzündet, möglicherweise gesagt: "Irgendwie kann man die Dinge ahnbar machen, aber nicht konkretisieren. Etwas, was man weiß und ahnt, aber es ist nicht fassbar. Und es ist uns allen bekannt. Es ist uns allen verwandt, über alle Grenzen. Und das ist das Fantastische, glaube ich." Sie starb mit 68 Jahren.