Zwei tschechische Fahrradfahrer sind auf dem Weg nach Stockholm. Pünktlich zur Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft möchten sie Schweden am 1. Juli symbolisch eine Kopie der ältesten Landkarte Böhmens von 1518 überreichen. Verabschiedet wurden die Fahrradfahrer vom tschechischen Minister für Europäische Angelegenheiten, Stefan Füle, dem Schirmherrn dieser Aktion. Es ist mutig, sich unter dem Stern der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft auf einen so langen Weg zu machen.

Nach dem EU-Gipfel im Juni fiel so manchem Tschechen ein Stein vom Herzen: Das angekratzte Image der krisengeschüttelten Ratspräsidentschaft konnte durch einen relativ glatt verlaufenen Gipfel halbwegs gerettet werden. Zu Beginn der Präsidentschaft war in Prag die Rede davon, dass die drei "E’s" des Arbeitsprogramms - Economy, Energy, EU in the World durch drei "G’s" Gaza-Konflikt, Gasstreit, globale Finanz- und Wirtschaftskrise ersetzt worden seien. Die ersten drei Monate der tschechischen EU-Präsidentschaft gaben trotzdem Anlass zu der Hoffnung, dass Tschechien im Ausland zukünftig nicht vorrangig mit den absurden Äußerungen des Staatspräsidenten Václav Klaus in Verbindung gebracht würde.

So zeigte das Team um Premier Mirek Topolánek beim russisch-ukrainischen Gasstreit Verhandlungsgeschick und kommunizierte innerhalb der EU die Befürchtungen der mittel- und osteuropäischen Mitgliedstaaten, die von dem russischen Lieferstopp besonders betroffen waren. Schweden äußerte Interesse, den tschechischen Botschafter für Energiesicherheit, Václav Bartuska, in der folgenden schwedischen EU-Ratspräsidentschaft als Berater einzusetzen, ein Zeichen des Erfolgs und der Anerkennung. In der Außen- und Sicherheitspolitik richtete die tschechische EU-Ratspräsidentschaft ihr Augenmerk auf die östlichen Nachbarn der EU und betonte, dass eine EU-Beitrittsperspektive für die Demokratieentwicklung in vielen europäischen Transformationsländern eine wichtige Voraussetzung sei.

Im ersten Quartal nahmen zudem die Medienberichte über EU-Themen in Tschechien selbst zu und gewannen auch an Qualität. Einige tschechische Regierungspolitiker durchlebten während der eigenen EU-Ratspräsidentschaft einen regelrechten Zivilisierungsschub: Sie wurden zu Staatsmännern.

Doch spätestens Ende März wurden den Europäern die Nachteile des Rotationsprinzips der EU-Ratspräsidentschaft vor Augen geführt: Kurz vor dem Besuch Barack Obamas Anfang April in Prag stürzte die tschechische Regierung. Neben oppositionellen Abgeordneten stimmten auch Politiker aus den Reihen der Regierungskoalition für das von den Sozialdemokraten beantragte Misstrauensvotum.

Die vor Beginn der Präsidentschaft vor allem in Westeuropa diskutierte Befürchtung, Tschechien könne die mit dem Amt verbundenen Herausforderungen nicht bewältigen, schien sich zu bewahrheiten. Der Zeitpunkt des Regierungssturzes bestätigte die Vermutung, dass die Mehrheit der tschechischen Politiker die Interessen der EU und ihre eigene Verantwortung für das europäische Projekt nicht ernst nimmt.

Am 8. Mai übernahm eine Übergangsregierung unter Premier Jan Fischer, dem bisherigen Leiter des tschechischen Statistikamtes, die Ratspräsidentschaft. Die neue Regierung versteht sich als "Expertenregierung" und wird das Land bis zu den vorgezogenen Neuwahlen im Oktober regieren. Das innenpolitische Desaster schuf Raum für ein Intermezzo des tschechischen Staatspräsidenten Václav Klaus. Einige Tage fürchtete man nicht nur in Brüssel, dass der bekannte Euro- und Klimaskeptiker den EU-Gipfel im Juni leiten werde.