Haben wir ein Recht, glücklich, lange und zufrieden zu leben? Ja, warum nicht? Ein langes gutes Leben wäre eine schöne Idee. Könnte ein Wahlslogan sein.

Aber damit ist mehr gemeint, als das wahrheitswidrige Gutreden von schlechten Zeiten. Zum guten Leben gehören auch nicht scheinheilige Wahlversprechen wie das Senken von Steuern und die Verheißung, die Arbeitslosigkeit werde dann nicht weiter steigen. Ein langes glückliches Leben als politische Zukunftsverheißung braucht mehr. Ehrlichkeit, Mut zur Wahrheit und offene Worte über das, was dazu notwendig ist, zumal in Zeiten wie diesen. Von der Politik ist dazu wenig zu hören. Nur der Papst mahnt angesichts der fundamentalen Krise der Welt zur Besinnung auf ethische Tugenden. Zum Umlernen und Umdenken.

Ganz allein ist Benedikt XVI. damit nicht. Eine Revolution des Denkens fordern seit Langem auch alle jene, die ebenso lange von den praxisnahen Prätorianern des bestehenden Systems erfolgreich als praxisferne Theoretiker, Träumer und Spinner verspottet und diffamiert wurden. Der Club of Rome hat seinerseits zwar den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Aber von den Ökonomen der Wachstumswirtschaft ernteten sie umso mehr Anfeindungen, Spott und Widerstand, auch aus dem Milieu sozialdemokratischer Reformtechnokraten, wo man 1972 von dem Report über "Die Grenzen des Wachstums" mitten in der Arbeit an einem rein quantitativ ausgerichteten "Langzeitprogramm der SPD" überrascht worden und entsprechend verärgert war.

Als einzige Großorganisation hatte damals in Deutschland, in einem hellen Moment ihrer jüngeren Geschichte, die IG Metall sich der Fragestellung geöffnet und dem Thema im selben Jahr unter dem Titel "Qualität des Lebens" einen dreitägigen Kongress gewidmet: Was macht Gutes Leben aus, worin besteht es, was müssen wir ändern, um diese nächste Stufe des Fortschritts zu erreichen? Hauptredner war Erhard Eppler, der die bedrohliche Dimension des herrschenden Systems schon damals erkannt hatte, der polnische Philosoph Adam Schaff war dabei und nicht zuletzt der unvergessene Austro-Franzose André Gorz. Damals war Epplers Parteifreund Helmut Schmidt in Bonn gerade Finanzminister geworden. Und Schmidt war – gelinde gesagt – ganz anderer Meinung. Den Begriff "Raubtier-Kapitalismus" hat er sich erst in einem späteren Leben angeeignet. Dem Konflikt zwischen der herrschenden Wachstumsorthodoxie und den Qualitäts-Visionären verdanken wir übrigens die Existenz der Grünen.

Inzwischen sind alle Parteien irgendwie grün. Und kein internationaler Gipfel, nicht einmal, wenn ein politisch-moralischer Bankrotteur wie Silvio Berlusconi der Gastgeber ist, kann es sich heutzutage leisten, nicht über den Klimawandel zu reden. Aber Umdenken? Umsteuern? Anders leben? Anders wirtschaften?

In der politischen Debatte spielt diese grundsätzliche Dimension keine Rolle. Die Frage aber, was künftig im Gefolge der Jahrhundertkrise wesentlicher Bestandteil des "guten Lebens" sein, worauf die Zufriedenheit der Bürger gründen wird, könnte nach der Bundestagswahl umso brisanter werden. Dann nämlich, wenn die Krise endgültig angekommen und spürbar ist, weder weggeredet noch weggelächelt werden kann.

Insofern hoffen auch die Ökologen auf eine neue Aufmerksamkeit. Zum Beispiel die Autoren der neuen Studie des Happy-Planet-Index: Sie vermuten, nun sei leichter einsichtig, dass "die Dogmen der letzten 30 Jahre" unglaubwürdig geworden sind. Die freiwillige Selbstunterwerfung unter das Wachstumsparadigma und das Diktat des Bruttosozialprodukts – "hinterließ über eine Milliarde Menschen in bitterer Armut, es hat auch weder wesentlich den Wohlstand derer gesteigert, die bereits reich waren, noch hat es uns ökonomische Stabilität verschafft". Stattdessen habe es einen unvorstellbaren Klimawandel bewirkt. "Kein Wunder", so die Autoren des Happy-Planet-Index (HPI), "dass die Menschen verzweifelt nach einer alternativen Vision suchen, die unsere Gesellschaften leiten könnte. In 2008 stimmten Amerikaner vor allem für 'Change' und 'Hope'". Für Obama, den politischen Visionär für einen "glücklichen Planeten".

Der HPI ist ein Produkt des britischen Öko-Thinktanks The New Economics Foundation (nef). Die Autoren versuchen damit, im Prinzip an der Idee des Weltmodells und des "dynamischen Gleichgewichts" von Dennis Meadows (Grenzen des Wachstums) anknüpfend, messbare und vergleichbare Kriterien für gutes, erfülltes und nicht zuletzt langes Leben zu finden, das außerdem der Bedingung der Nachhaltigkeit entspricht: Es soll den Planeten nichts kosten.