Bei dem Streit um den Atomausstieg geht es also auch darum, wohin in den kommenden Jahren Milliardeninvestitionen für die Umgestaltung des Strommarktes fließen werden und ob die Stromversorgung zukünftig dezentral organisiert wird oder ob bei der Energieversorgung weiter auf Großkraftwerke gesetzt wird. Ob Markteintrittsbarrieren für kleinere Stromanbieter abgebaut werden und das Stromnetze entsprechend umgebaut wird. Dabei setzt nicht einmal Umweltminister Gabriel konsequent auf den Atomausstieg. Er hat den Energiekonzernen angeboten, sie könnten die Restlaufzeiten von acht älteren auf neuere Atomkraftwerke übertragen. Das Atomausstiegsgesetz sieht dies ausdrücklich vor, doch der Atomausstieg wäre damit nicht 2021 sondern erst 2025 abgeschlossen.

Allerdings ist der Atomstrom mitnichten eine Brückentechnologie, mit der Zeit gewonnen würde für den Ausbau regenerativer Energien. Die Entscheidung über die Verlängerung von Laufzeiten würde vielmehr die Struktur der zukünftigen Stromversorgung und des Energiemarktes für mindestens zwei Jahrzehnte präjudizieren.

Beispielsweise verträgt sich der massive Ausbau der Windenergie nicht mit der Verlängerung von Atomlaufzeiten. Gigantische Offshore-Windparks mit einer Gesamtleistung von insgesamt 10.000 MW, also mit einer Leistung von insgesamt sieben Atomkraftwerken, sollen nach dem Willen von Umweltminister Gabriel bis zum Jahr 2015 in der Nordsee entstehen. Soll Windenergie jedoch trotz der wetterbedingten Schwankungen auch in der Grundlast eingesetzt werden, werden zugleich traditionelle Kraftwerke benötigt, die flexibel und kurzfristig einsetzbar sind und die Schwankungen in Verbrauchsspitzenzeiten und bei Flaute auffangen können, zum Beispiel moderne Gaskraftwerke. Atomreaktoren hingegen können nicht einfach hoch- und heruntergefahren, sondern aufgrund der komplizierten Technologie nur dauerhaft betrieben werden. Sie können nur in der Grundlast eingesetzt werden, sind deshalb keine Ergänzung, sondern eine Konkurrenz zum Bau von Windparks in der Nordsee.

Schon warnen die Lobbyisten des Ökostroms deshalb davor, eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken würde bereits geplante Milliarden-Investitionen "abwürgen" und den neuen Wirtschaftszweig, der in den letzten zwei Jahrzehnten rund um die regenerative Energien entstanden ist, sowie Zehntausende Arbeitsplätze gefährden.

Nach dem Störfall von Krümmel ist die politische Auseinandersetzung um die Zukunft der Atomkraft voll entbrannt, gut, dass im Wahlkampf darüber gestritten wird und nicht anschließend.