Mit 35 Euro in der Tasche bin ich am Hauptbahnhof in Rom gestrandet. Mein Geld vom Auslands-BAföG war noch nicht auf dem Konto, und ich hatte vor der Abreise kein Geld gespart, wie es auf dem Erasmus-Handzettel empfohlen wird.

Von 35 Euro lässt sich aber kein Zimmervermieter beeindrucken, und so lande ich bei Frau von Oy. Sie ist die gute Seele einer katholischen Mädchenorganisation, die Jobs an deutsche Mädchen vermittelt. "Fünf Monate freie Kost und Logis bei einer Gräfin", lautet ihr Angebot. Sie suche eine "starke, deutsche Studentin".

Ich mache mich auf zum Bewerbungsgespräch. Die Gräfin bewohnt einen Palazzo am Flussufer des Tibers mit 16 Zimmern und einem Swimmingpool auf der Terrasse. Ich schleiche durch die offene Wohnungstür und sehe Dekorteppiche, einen Goldthron wie aus Zeiten Ludwigs VI. und pinkelnde Porzellanengel. Im Salon schüttelt sich eine etwa 60-jährige Dame zu Trommelwirbel. Sie ist splitternackt bis auf rosa Pumps.

"Ciao, Deutsche, ich mache mich gerade warm für den Karneval in Rio de Janeiro", ruft sie mir zu und mustert mich. "Du bist also deutsch und stark", fragt sie, während sie sich nebenbei in einen Minirock aus rosa Pailletten zwängt. "Deutsche, mache mein Kleid zu, die Party fängt gleich an." Ich rüttele am Reißverschluss, langsam schließt sich das Kleid über dem faltigen Rücken. "Du bist ja stärker als der irakische Widerstand." Damit habe ich mich qualifiziert. Ich bin eingestellt und ziehe ein.

Hatte ein unterhaltsames Auslandssemester in Rom: Maria Krausch © privat

Bevor die Gräfin ihre fünfmonatige Reise nach Südamerika antritt, wohnen wir eine Woche zusammen. Strohblond und braun gebrannt wirkt sie wie eine gealterte Paris Hilton. Jeden Abend geht sie feiern. Gegen 17 Uhr am nächsten Tag wacht sie auf, rollt sich mit Alkoholfahne von ihren Seidenkissen und bereitet in der Küche neben Vitaminpillen in aller Ruhe ihr morgendliches Kokain vor. Schließlich steht in ein paar Stunden die nächste Party an.

Meinen Kommilitonen an der Universität Roma Tre kommt mein Gaststudentenleben seltsam vor. "Warum ziehst du nicht weg aus diesem Tollhaus, zu uns ins Uni-Viertel", fragen sie. Sie alle würden niemals auf die Idee kommen, solch einen Job anzutreten. Meist kommen ihre Eltern für die hohen Lebenshaltungskosten auf. Ein einfaches Zimmer kostet in Rom 500 Euro im Monat.

Die Universität Roma Tre, erst vor 17 Jahren gegründet, entschädigt für die hohen Kosten mit Urlaubsflair. Mit Palmen, Sandhügeln und Wasserbecken mutet der Campus eher wie ein Robinson Club an. Auch die Vorlesungen sind wenig anstrengend. Üblicherweise rezitiert der Professor aus einem Buch, das er selbst verfasst hat. Die Studenten lernen die wesentlichen Inhalte auswendig, am Ende wird ihr Wissen in zehnminütigen Prüfungen abgefragt.