Nicht nur vor Weihnachten und vor Ostern, sondern ganzjährig ist das Angebot an Schokolade und anderen Süßigkeiten in unseren Supermärkten so verlockend wie unüberschaubar. Abseits davon, in einem kleineren Extra-Regal mit deutlich reduziertem Sortiment, liegt die Schokolade mit dem Etikett "Für Diabetiker geeignet". Fragt man Diabetes-Spezialisten und Ernährungswissenschaftler, dann könnte man die Regale mit den Spezial-Lebensmitteln für Diabetiker eigentlich ganz abbauen.

"Spezielle Lebensmittel für Diabetiker sind nicht nötig", stellte das Bundesinstitut für Risikobewertung vor knapp zwei Jahren fest. "Für Diabetiker gelten inzwischen die gleichen Empfehlungen für eine gesunde Ernährung wie für die Allgemeinbevölkerung." Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt, eine "diabetesgerechte Ernährung" entspreche "in den Grundzügen einer ausgewogenen vollwertigen Mischkost".

Das Angebot an Spezial-Keksen, Schokoladen und Puddingpulvern könnte nach Ansicht von Ernährungsexperten sogar schädliche Folgen haben – wenn die Konsumenten sich in der Sicherheit wiegen, hier ausschließlich "Gesundes" zu kaufen. "Problematisch ist, dass hier etwas vorgegaukelt wird, was nicht erfüllt werden kann", sagt Susanne Klaus vom deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (Dife). "Die Produkte müssen wirklich vom Markt, das ist langsam ein Ärgernis", findet auch Monika Töller vom Deutschen DiabetesZentrum in Düsseldorf.

Zwar enthält die Diabetiker-Schokolade statt des Traubenzuckers (Glukose) des normalen Haushaltszuckers Fruchtzucker, der den Blutzucker weniger ansteigen lässt. Mit dem aber haben Diabetiker Probleme, weil bei ihnen das Hormon Insulin nicht oder nur unzureichend für die Verarbeitung des Zuckers sorgt, der mit der Nahrung ins Blut gelangt.

Im selteneren Fall des Diabetes mellitus vom Typ I produziert die Bauchspeicheldrüse es nicht oder in zu geringen Mengen, bei der Mehrheit der Zuckerkranken vom Typ II ("Alterszucker") ist der Organismus gegen das Hormon unempfindlich geworden.

Das Konzept des Zuckeraustauschs klingt also zunächst einleuchtend. "Fruktose wird bei Diabetikern allerdings innerhalb kurzer Zeit in Glukose umgewandelt", sagt Andreas Pfeiffer, Diabetes-Experte an der Berliner Uniklinik Charité. Weil die Fruktose zudem leichter in Fett umgebaut wird, steigt beim Konsum größerer Mengen auch das Risiko, dass die Leber verfettet.

Wenn es darum geht, welche Ernährungsweise für Diabetiker oder für Menschen mit Vorstufen der Erkrankung gut ist, nennt Pfeiffer als entscheidenden Faktor das Körpergewicht. Das Risiko, einen Alterszucker zu bekommen, ist für Übergewichtige um ein Vielfaches größer als für Schlanke. Bei einem Körpermasseindex (Body Mass Index BMI, errechnet als Gewicht in Kilo geteilt durch Körpergröße in Metern im Quadrat) von über 35 ist es etwas vierzig Mal höher als bei einem BMI von 21.

Und auch das Umgekehrte gilt: Die meisten Diabetiker vom Typ II, die ein paar Kilo abnehmen, haben gute Chancen, ihre Empfindlichkeit für Insulin wieder zu steigern – und damit weniger oder kein Insulin mehr spritzen zu müssen. Langfristig ist es am wichtigsten, nicht mehr Energie aufzunehmen als zu verbrauchen.

Neben Bewegung hilft dabei die Auswahl von Lebensmitteln, die möglichst wenig Kalorien auf möglichst viel Raum enthalten. Leider gehört der "Diabetiker-Osterhase" nicht zu ihnen, denn er enthält genausoviel Fett als seine Artgenossen aus den anderen Regalfächern.

Antwort auf die Frage, welche Ernährungsform am wirkungsvollsten hilft, nach einer Gewichtsabnahme das Gewicht zu stabilisieren – und damit das Ausbrechen der Zuckerkrankheit zu verhindern –, wird von einer großen EU-finanzierten Studie namens Diogenes (für: Diet, Obesity and Genes) erwartet. Mehr als 500 Familien aus sieben europäischen Ländern und 90 deutsche Familien, in denen die Eltern und mindestens ein Kind mit Übergewicht zu kämpfen haben, wurden einbezogen.