Die Grünen können vor Kraft derzeit kaum laufen. Bei der Europawahl haben sie vor vier Wochen ein Rekordergebnis von 12,1 Prozent erzielt. In aktuellen Meinungsumfragen steht die Partei mit 13 Prozent sogar noch besser da. Dazu hat die Energiewirtschaft den Umweltfreunden mit dem jüngsten Störfall im Atommeiler Krümmel pünktlich zum Wahlkampfauftakt eine Steilvorlage geliefert.

Eigentlich zumindest. Denn fast scheint es so, als wollten die Grünen-Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin diese Steilvorlage der Atomlobby gar nicht nutzen, sondern sie SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel überlassen. In der Kampagne für die Bundestagswahl zumindest, die die beiden am Mittwoch in einer ehemaligen Fabrikhalle im Berliner Stadtteil Kreuzberg präsentierten, wird der Atomausstieg nur am Rande erwähnt.

Natürlich sei die durch den Pannenreaktor wiederbelebte Atomdebatte für sie ein Thema, versichern die obersten grünen Wahlkämpfer eifrig. So haben Künast & Co in den vergangenen Tagen auch ein schnelleres Abschalten der alten AKWs gefordert. Doch klar ist auch: Die Grünen wollen weg von ihrem Ein-Thema-Image. Sie wollen nicht länger nur als Partei wahrgenommen werden, die sich in erster Linie um das Klima, Umweltschutz und gesundes Essen kümmert.

Vor allem aber, und das ist die eigentliche Botschaft an diesem Tag, wollen die Grünen nicht länger als geborener Juniorpartner der SPD wahrgenommen werden. Sie nabeln sich immer stärker vom früheren Koalitionspartner ab, mit dem sie von 1998 bis 2005 im Bund regiert haben, und suchen nach neuen Optionen.

Dabei stecken die Grünen allerdings trotz des Hochs in den Meinungsumfragen in einem fast unlösbaren machtstrategischen Dilemma. Einerseits drängen sie zurück an die Macht. Künast und Trittin lassen keinen Zweifel daran, dass sie und ihre Partei nach vier Jahren Opposition nach dem 27. September wieder mitregieren wollen, wenn es irgend geht.

Anderseits fehlt der Öko-Partei dafür derzeit jede realistische Perspektive. Eine Neuauflage von Rot-Grün scheidet wegen der gravierenden Schwäche der SPD aus, Rot-Rot-Grün schließen die Sozialdemokraten aus. Eine Ampelregierung wiederum mit SPD und FDP stößt an der grünen Basis auf tiefes Misstrauen, eine Jamaika-Koalition mit Union und FDP wurde im Wahlprogramm sogar explizit zum Tabu erklärt. Und Schwarz-Grün hätte wohl nur dann eine Chance, wenn die Grünen stärker würden als die FDP und es für Schwarz-Gelb nicht reicht. Beides ist im Moment wenig wahrscheinlich.

Aus ihrer Not versuchen Künast und Trittin deshalb eine Tugend zu machen. Sie haben sich zu einem offensiven, eigenständigen Wahlkampf entschlossen, auch wenn die Botschaft vage bleibt. "Wir wollen eine andere Gestaltungsmehrheit", verkündet Künast, "wir wollen stark genug werden, um eine grüne Weichenstellungen anschieben zu können". Wie und mit wem auch immer.