Die Hapag-Lloyd-Zentrale am Ballindamm ist ein imposanter Prachtbau, direkt an der Binnenalster in Hamburg gelegen. Am Mittwoch tagte hier hinter dicken Mauern die Gesellschafterversammlung der Traditionsreederei. Das Thema der Tagesordnung: Die Finanznot des Unternehmens. Am Tisch hatten der frühere Mutter-Konzern Tui und das Gesellschafterkonsortium "Albert Ballin" Platz genommen.

Die Sitzung dauerte mehrere Stunden. Am Ende stand offenbar eine Einigung: Die Eigner werden Hapag Lloyd neues Kapital zur Verfügung stellen. Tui als Hauptgesellschafter und die "Ballin"-Gruppe werden ihren jeweiligen Gremien Vorschläge für Kapital- und Finanzierungsmaßnahmen vorlegen, hieß es nach der Sitzung. Eine Variante sieht vor, dass eine Milliarde Euro von den Banken kommt - wobei der Bund bürgen soll - und 750 Millionen von den Gesellschaftern. Das Konsortium Albert Ballin würde dabei 425 Millionen Euro bereitstellen, TUI 325 Millionen Euro. Der Reisekonzern und das Konsortium lehnten Stellungnahmen ab.

Das frische Kapital braucht Deutschlands größte Containerreederei dringend. Allein im ersten Quartal des Jahres stand ein Verlust von 222 Millionen Euro in den Büchern. Das zweite Quartal wird wohl kaum besser gelaufen sein. Die Lage ist ernst. Nach Medienberichten kann der Reederei bereits in den kommenden Wochen das Geld ausgehen, um die laufenden Kosten des Tagesgeschäfts zu decken. Mit jedem transportierten Container steigt der Verlust.

Der Hamburger Konzern ist eines der prominentesten Krisenopfer in der Logistik-Branche. Weil das globale Handelsvolumen zurückgeht und es riesige Überkapazitäten in der Containerschifffahrt gibt, sind die Transportpreise in den vergangenen Monaten eingebrochen. "Die Mehrheit der Containerlinien verdient zurzeit kein Geld", sagt Jan Tiedemann, Containermarkt-Experte beim Branchendienst AXS-Alphaliner in Paris. "Die aktuellen Frachtraten reichen nicht, um die Kosten zu decken."

Welche Summen Hapag-Lloyd genau benötigt, darüber schweigen sämtliche Beteiligte. Vergangene Woche meldete die Financial Times Deutschland, das Unternehmen verhandele in Berlin mit der KfW über einen 300 Millionen Euro-Kredit. Am Ballindamm wurde die Meldung  prompt dementiert. Man habe nie Staatshilfe beantragt. In Fachkreisen wird das allerdings bezweifelt. Hapag-Lloyd wollte die Kreditanfrage am Mittwoch nicht kommentieren. "Wir evaluieren alle Maßnahmen", sagte ein Sprecher.

Im März hatte der TUI-Konzern nach monatelangem Hin und Her rund 57 Prozent seiner Reederei an das Hamburger Gesellschafter-Konsortium "Albert Ballin" verkauft. Ihm gehören der Logistik-Unternehmer Klaus-Michael Kühne, die Stadt Hamburg, die HSH Nordbank und zwei Versicherer an. Gerade Kühne, der als teilweise unberechenbar gilt, gibt derzeit viele Interviews. Mal brachte er Staatshilfen ins Gespräch, mal kritisierte er die hohen Zinszahlungen, die Hapag-Lloyd für Kredite an den Mutterkonzern TUI zahlen muss. Zuletzt verlangte er einen radikalen Sparkurs bei Hapag-Lloyd.

Kühnes Investment bei Hapag-Lloyd ist ungewöhnlich. Über "Albert Ballin" hält er als Privatmann 15 Prozent an dem Unternehmen. Somit hat er Interesse an hohen Frachtraten, denn die bescheren dem Unternehmen höhere Gewinne. Sein eigenes Unternehmen allerdings, die internationale Spedition "Kühne+Nagel", ist einer der wichtigsten Kunden der Reederei und ist an niedrigen Transportkosten interessiert. Fachleute glauben, der Interessenkonflikt des neuen Eigners habe die Krise verschärft.