War es ein klassischer Militärputsch im Auftrag einer reaktionären Oligarchie gegen einen zu progressiven Staatschef wie 1973 gegen Salvador Allende in Chile? War es ein Befreiungsschlag der bürgerlichen Parteien gegen eine mit venezolanischen Erdölgeldern finanzierte kommunistische Unterwanderung? Der Staatsstreich in Honduras hat von beidem etwas. Vor allem aber ist er das, was die honduranische Politologin Leticia Salomon eine "demokratische Bankrotterklärung der Elite" nennt. Zu der auch der gestürzte Staatschef, Unternehmer und Gutsbesitzer Manuel Zelaya, zählt. "Sie alle haben Intoleranz, Autoritarismus und Verachtung für den Rechtsstaat und die Gewaltenteilung an den Tag gelegt", urteilt Salomon.

In den vergangenen 27 Jahren herrschte in Honduras ein eingefahrenes Zwei-Parteien-System: Es gab die Liberale und die Nationale Partei. Beide eher konservativ, aber ohne ideologische Plattform. Klientel-Wählervereine, mit denen sich die einflussreiche Elite den Machterhalt und den Zugang zu den staatlichen Töpfen sicherte. Interne Querelen gehörten schon immer mit dazu – so auch jetzt im Vorfeld der für Ende November geplanten Neuwahlen. Roberto Micheletti, vom Parlament jetzt als neuer Präsident eingeschworen, liebäugelte schon länger mit dem Präsidentensessel. Er grollt Zelaya, weil er bei den parteiinternen Vorwahlen der Liberalen gegen Zelayas ehemaligen Vizepräsidenten Elvin Santos verlor – doch auch Santos hatte sich mit Zelaya überworfen.

Es ist ein erbittertes Gerangel um ein armes Land: Honduras erstreckt sich auf 112.000 Quadratkilometern, hat sieben Millionen Einwohner, die Hälfte davon Not leidend, keine nennenswerten Bodenschätze, nicht mal vorzeigbare Universitäten. Die Hauptstadt Tegucigalpa mutet an wie ein zu groß gewordenes Dorf, durch dessen enge Straßen sich heutzutage mühsam der Autoverkehr zwängt.  Die Medien, die Universitäten, die wichtigsten Firmen, die Politik – alles ist in der Hand einiger weniger alteingesessener Familien.

Zusammen mit Nicaragua bildet Honduras das entwicklungspolitische Schlusslicht des ehemals geeinten Mittelamerika, das schon bald nach der Unabhängigkeit von Spanien 1821 zerfiel in winzige Kleinstaaten, angeführt von ebenso grausamen wie engstirnigen und machthungrigen Lokalcaudillos. Sie lagen im Dauerkonflikt miteinander und suchten ausländische Hilfe. Eine Chance, die die USA beim Schopf ergriffen – auch in Honduras. Dort hatten Anfang des 19. Jahrhunderts die beiden US-Bananenkonzerne United Fruit und Standard das Sagen. Zusammen mit dem US-Botschafter baldowerten sie Wahlergebnisse und die Wirtschaftspolitik aus. Wer nicht spurte und sich nicht schmieren ließ, wurde weggeputscht. Aus dieser Zeit stammt der Begriff Bananenrepublik.

Auch als Honduras 1982 zur Demokratie zurückkehrte, wachten die USA über das Land – weil die Elite das so wollte und jedes Aufmucken der Bevölkerung im Keim erstickt wurde. Bis heute unterhält Washington dort in der Nähe der Hauptstadt einen Luftwaffenstützpunkt. Während der Bürgerkriege in den achtziger Jahren in Mittelamerika war die Basis eine Drehscheibe für die Aufstandsbekämpfung und allerlei Waffenschiebereien wie etwa in der Iran-Contra-Affäre; heute dient sie dem Anti-Drogen-Krieg, dem neuen Feindbild mit dem das Pentagon seine Militärpräsenz in Lateinamerika rechtfertigt.

Auch Zelaya begann nach seinem Wahlsieg 2006 ganz im Sinne der Mächtigen. Er legte zwar ein paar Sozialprogramme auf und punktete beim Volk mit linker Rhetorik und einem Charisma, das sein dröger Vorgänger vermissen ließ, doch er tastete Vormachtstellung und Steuerprivilegien der Elite ebenso wenig an wie deren Korruptionsnetzwerke.