An Autofahren ist nicht zu denken. Von daher sollte dies die einmalige Sternstunde öffentlicher Verkehrsmittel in Los Angeles sein. Doch selbst um sieben Uhr früh, drei Stunden vor dem offiziellen Beginn der Trauerfeier für Michael Jackson in Downtown, sitzen in der U-Bahn nur verschlafene Büromenschen mit den üblichen versteinerten Gesichtern.

Ein einziger fällt aus der Reihe, ein junger Schöner ganz in Schwarz, der ununterbrochen vor sich hin lächelt. Gedankenverloren krempelt er sich die Ärmel hoch – und erstarrt mitten in der Bewegung, als sein hervorlugendes goldenes Plastikarmband für neidische Blicke sorgt.

An der Straßensperre mit großem Polizeiaufgebot trennen sich unsere Wege. Denn ohne Ticket und Armband kommt man nicht einmal in die Nähe des Staples Center, in dem die Trauerfeier stattfindet. Gut 1000 Fans stranden hier nach einem wahren Spießrutenlaufen zwischen Verkäufern von Postern, T-Shirts, Ansteckern, Hotdogs und Getränken. Kreativität ist gefragt ("Show some love and buy a white glove"), um überhaupt Memorabilia loszuwerden, denn hier weilen eindeutig mehr fliegende Händler, Polizisten und Journalisten als Jackson-Anhänger. Kommerz und Medienansturm vertreibt die Trauer, unentwegter Hubschrauberlärm am Himmel übertönt wohl gemeinte Ansätze einer Straßenparty.

Akiko Seno aus dem japanischen Kanagawa kann ihr Glück immer noch nicht fassen. Vor vier Tagen war die 25-Jährige nach L.A. geflogen, in der Hoffnung, ihrem Idol noch irgendwie nahe sein zu können. Nun hat ihr gerade ein "Engel" im Vorübergehen eine Eintrittskarte geschenkt, Staples Center, dritte Reihe. Sie weint und weint und weint in mindestens 30 Fernsehkameras, weiße Schminke und Mascara hoffnungslos zerlaufen. "Es geschehen noch Wunder in dieser Welt", stammelt sie auf Japanisch, mit Übersetzungshilfe eines Fernsehreporters aus ihrem Heimatland, der für ein paar Momente ebenfalls zum Medienstar wird.

Die allabendliche Hollywood-Sendung Entertainment Tonight hilft der Jagd nach guten Bildern ein wenig nach. Gleich zwei Karten zaubert die Moderatorin etwas abseits von der Menge aus ihrer Handtasche und entlockt damit einem Beschenkten ein strahlendes "Thank you, Jesus" bei perfekt eingestelltem Licht und Ton. Die zweite Auserwählte muss sich an diesem frischen Morgen erst noch einen Pullover ausleihen, bevor ihr das Armband umgelegt werden kann, denn sie fröstelt in ihrem knappen T-Shirt doch etwas zu sehr in die Kamera.

Nur wenige Fans stehen verschreckt am Rand wie die jungen Frauen, die für drei Tage und viel Geld aus Tokyo angereist sind, um, wie sie sagen, "Leute und Medien zu erleben". Hugo Essinel aus Holland gibt sich weitaus pragmatischer. Der Tourist hat kurzfristig seine Pläne geändert: "Hollywood kann ich mir irgendwann später noch einmal anschauen, aber das hier, das gibt einmalige Urlaubsfotos." Ursula Rath aus Sassenberg in Nordrhein-Westfalen war auch zufällig zur rechten Zeit in der Stadt, ist aber von dem Treiben doch ein wenig enttäuscht. Sie hatte zumindest eine große Leinwand erwartet, auf der die Feier übertragen wird.