Sie hat es geschafft: Ein Niesen in der Bahn, ein Husten im Büro, ein Schniefen in der Menschenmenge – und schon scheint sie da. Die sogenannte Schweinegrippe ist derzeit allgegenwärtig. Tatsächlich ist sie zwar hierzulande noch nicht weit verbreitet, aber es ergießt sich schon makabrer Hohn und Spott über die "Weltgrippe", die Pandemie 2009. Es sind Scherze mit fahlem Beigeschmack und sie täuschen über die Unsicherheit hinweg. Denn nach wie vor fragen sich viele: Wie gefährlich ist diese Influenza wirklich?

Wer Panik schüren will, der findet derzeit gleich haufenweise Ansatzpunkte: Schulschließungen in Deutschland und im Ausland, angebliche oder tatsächliche Resistenzen gegen das antivirale Medikament Tamiflu, die mögliche Aussicht auf einen mutierten und sehr krankmachenden Supervirus sind nur einige davon. Ganz zu schweigen von den steigenden Infektionszahlen.

Beides ist jedoch falsch: Wir begehen einen Fehler, wenn wir die besser Amerikagrippe genannte Erkrankung (weil sie nicht von Schweinen übertragen wird) belächeln, und wir spielen mit der Angst, wenn wir sie ein ums andere Mal für Horrorszenarien missbrauchen.

"Ende des Jahres wird jeder Dritte sich angesteckt haben, weltweit", sagt Peter Wutzler, Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung von Viruserkrankungen. Davon gehen die Experten aus. Das macht allein in Deutschland bei rund 83 Millionen Einwohnern mehr als 27 Millionen Menschen, die das H1N1-Virus in sich tragen werden. "Bereits jetzt gibt es eine hohe Dunkelziffer an Infektionen, ohne dass die Leute davon etwas merken", sagt Wutzler. Weltweit steige die offizielle Zahl der Erkrankungen auf rund 100.000. Mehr als 400 Menschen sind an den Folgen des Virus gestorben. In Deutschland haben die Behörden bislang knapp 600 Infektionen bestätigt.

Solche Zahlen wirken beängstigend, die große Mehrheit der Infizierten erholt sich jedoch von der Amerikagrippe. Viele bemerken kaum, dass sie sich überhaupt infiziert haben, andere benötigen nicht einmal eine medizinische Versorgung oder gar Grippemedikamente. "Es ist ein harmloses Virus, das derzeit meist nur leichte Erkrankungen auslöst, die mehr grippeähnlich sind", sagt der Virologe Wutzler. Und doch: Auch hierzulande wird es Tote geben. Dies ist nur eine Frage der Zeit.

"Wir haben momentan das gleiche Problem wie auch mit der saisonalen Grippe", sagt Christian Drosten vom Universitätsklinikum Bonn. "Die allgemeine Wahrnehmung ist, dass man an einer Grippe gar nicht stirbt." Eine Fehleinschätzung: Jedes Jahr sterben in Deutschland an den "normalen" saisonalen Grippe-Erregern durchschnittlich 8000 bis 11.000 Menschen, in besonders schweren Jahren auch mal bis zu 30.000. "In Aufklärungskampagnen versucht man Jahr für Jahr den Leuten zu sagen: Nehmt die Grippe ernst."

Für die schwache Amerikagrippe gilt das Gleiche: Wer leichte Symptome wie Fieber, Husten, Halsschmerzen und allgemeinem Unwohlsein bei sich erkennt, sollte zu Hause bleiben und sich auskurieren. "Gefährdete Personen mit gewissen Grunderkrankungen sollten bei ersten schweren Symptomen sofort behandelt werden." Asthmatiker und Menschen mit Atemwegs- oder Herz-Kreislaufproblemen provozierten ansonsten zum Beispiel Lungenentzündungen, die mitunter tödlich enden können.

Ausbreitung der Amerikagrippe weltweit

Deshalb sind Hygienemaßnahmen wichtig. Dazu gehört etwa regelmäßiges Händewaschen und in den Ärmel statt in die Hand husten, damit Viren nicht an den Händen kleben bleiben und so leicht weitergegeben werden können. "Wenn das Amerikavirus so bleibt wie es ist, werden wir im Winter vermutlich nicht mehr Todesfälle zu erwarten haben, als in Zeiten einer schweren saisonalen Grippewelle", schätzt Drosten.

Die Amerikagrippe ist also keineswegs besonders gefährlich, aber eben auch genauso wenig zu unterschätzen wie die saisonale Grippe. Wenig hilfreich sind Berichte, der neue Erreger könne mit dem Grippemedikament Tamiflu bald nicht mehr behandelt werden. Drei Patienten in Dänemark, Japan und in Hongkong hatten eine Resistenz gegen Tamiflu entwickelt, sind aber vollkommen genesen. "Das ist keinesfalls sensationell", sagt Drosten. Zum einen beobachtet man solche Resistenzen auch während der saisonalen Grippe. Zum anderen seien die mutierten Viren erfahrungsgemäß sehr schwer übertragbar, da sie durch ihre Veränderung selbst schaden nehmen. "Eine Horrormeldung lässt sich daraus nicht ableiten, die meisten Resistenzen sind harmlos", sagt Drosten.

Was aber ist mit der Gefahr, dass sich das neue H1N1-Virus mit den bereits zirkulierenden saisonalen Grippe-Erregern vermischt und ein aggressiveres Supervirus entsteht? Natürlich kann es vorkommen, dass Erreger ihr genetisches Material austauschen. Doch solche veränderten Viren müssen sich nicht zwangsläufig verbreiten. "So ein Austausch schwächt die Viren und sie bräuchten Zeit, um sich zu berappeln. Diese Zeit gibt ihnen die Natur meist nicht", sagt Drosten. Zudem gibt es bereits zwei saisonale Grippeviren, die seit Ende der 1970er Seite an Seite verbreitet sind. Diese hätten sich zwar schon vermischt, ein weit verbreiteter Erreger sei dabei aber nie entstanden.

Es gibt also kein Grund zur Panik, wenn das Amerikavirus sich nun weiter seinen Weg um den Globus bahnt. Zudem ist ein Impfstoff bereits in der Herstellung. Einige Länder, darunter die USA, haben ihn bereits bei den Herstellern bestellt. Frankreich gibt für 100 Millionen Dosen 700 Millionen Euro aus wie die Zeitung Le Parisien berichtet. "Hierzulande wird kritisiert, dass noch nicht bestellt wurde, doch wir werden den Impfstoff nicht später haben als andere", sagt Drosten. Wann der allerdings geliefert werden kann, ist noch unklar, vermutlich ab Herbst werde es erste Dosen geben.

Der Versuch, die Amerikagrippe einzudämmen, ist gescheitert, doch sind wir gut gewappnet. "Die gegenwärtige Situation ist die beste Übung für den Ernstfall", sagt der Virologe Peter Wutzler. Maßnahmen wie Schulschließungen dienen nur dazu, die Verbreitung abzumildern. Aufzuhalten ist das H1N1-Virus nicht mehr. Wir sollten ihm nicht mit Angst begegnen. Es wird keinen Sturm auf die Krankenhäuser geben oder einen Kampf um den Impfstoff. Ernst nehmen sollten wir die Influenza aber schon, egal ob Amerika- oder Wintergrippe.