Normalerweise findet in Wimbledon das Finale der Damen am Samstag und das Endspiel der Herren am Sonntag statt. Durch den Regen musste man das Damenfinale aber auch auf Sonntag verlegen. So spielte erst Steffi Graf gegen die gefürchtete Martina Navratilova und gleich im Anschluss Boris Becker gegen seinen Dauerrivalen Stefan Edberg.

Ein Jahr zuvor hatte Edberg im Finale noch gegen Becker gewonnen, aber Boris war dafür bekannt, dass er nicht zweimal gegen den gleichen Gegner verliert. Für Steffi Graf war es erst der zweite Sieg gegen Navratilova auf Rasen. Nach dem Matchball schüttelte sie ein Tränenausbruch.

Boris stand das gesamte Match über unter Strom. Er war der Wahnsinn: Am Tag zuvor hatte er 1:2 nach Sätzen gegen Ivan Lendl zurückgelegen, dann kam eine Regenpause und er zog ins Finale ein. Zwei deutsche Wimbledonsieger an einem Tag, im Dreistundentakt - so etwas ist wohl ein einmaliger Tag in der Sportgeschichte.

Für mich war besonders das Spiel von Boris eine außergewöhnliche Erfahrung. Ich trainierte Boris seit 1976, gemeinsam gewannen wir erstmals 1985 und dann 1986 auf dem englischen Rasen. Zwar war ich am 9. Juli 1989 seit zwei Jahren nicht mehr sein Trainer, doch ich fühlte mich noch so. Ich saß auf der Pressetribüne direkt neben den Betreuerplätzen für die Spieler. Ich wusste, was in Boris vorgeht, wie er reagieren wird. Und ich war mir sicher, dass er gewinnen wird.

Man kann es sich gar nicht vorstellen, aber damals war es fast normal, dass zwei deutsche Spieler in Wimbledon, der inoffiziellen Weltmeisterschaft im Tennis, gewinnen können. Beide, Steffi und Boris, waren damals für mich die Favoriten. Es war eine andere Zeit. Der Centercourt in Wimbledon war Boris' Wohnzimmer. Stellen Sie sich vor: 10 bis 15 Millionen Deutsche haben die Spiele im Fernsehen verfolgt.

Heute leidet das deutsche Tennis. Es ist unvorstellbar, dass Tommy Haas und Sabine Lisicki in Wimbledon gewinnen. Es gibt einfach keine Vorbilder mehr, die dieser Sport für die Nachwuchsarbeit braucht. Ich glaube, ohne den Erfolg eines Boris Becker hätte es auch keinen Weltklassespieler Michael Stich gegeben, der übrigens 1991 auch gemeinsam mit Steffi Graf in Wimbledon gewann, aber nicht am gleichen Sonntag.

Das Tennis war vor 20 Jahren spektakulärer. Sieben oder acht Profis hatten ein Charisma, das mitgerissen hat. Heute gibt es in der Weltspitze vielleicht zwei oder drei dieser Spieler und niemanden aus Deutschland. Auch die Art Tennis zu spielen war eine besondere. Die Jugend sollte heutzutage mehr Wert auf die Spieltechnik legen, das Angriffsspiel perfektionieren.