Auf den ersten Blick scheinen sich die Bilder zu gleichen: Wie beim Aufstand der Tibeter im März letzten Jahres werfen junge Männer Steine in Ladenfenster, setzen Busse in Brand und stoßen Polizeiautos um. Geschäfte sind bis auf die Mauern ausgebrannt. In übervollen Krankenhäusern erzählen geschockte Han-Chinesen von ihren Erlebnissen.

Doch sind die Unruhen in den Uiguren-Gebieten wesentlich gewalttätiger: Blutüberströmte Menschen, die taumelnd zu Boden gehen oder schreiend durch die Straßen laufen. Mindestens 140 Menschen starben, mehr als 800 wurden verletzt.

Pekings Interpretation der Unruhen lautet: ein "ernstes Gewaltverbrechen" in verschwörerischer Art und Weise, organisiert durch "separatistische Kräfte" im Ausland. Genau wie mit dem Dalai Lama im Falle Tibets personalisiert Peking auch die uigurischen "separatistischen Kräfte" auf einen "Dämon": die in den USA lebende uigurische Bürgerrechtlerin Rebiya Kadeer, seit 2006 Präsidentin des uigurischen Weltkongresses. Kadeer, Anfang 60, war lange Jahre Abgeordnete des chinesischen Volkskongresses und Beauftrage für Frauenfragen in der Region. Nach einer sechsjährigen Haft für ihr kritisches Engagement konnte sie auf internationalen Druck ins Exil ausreisen.

Den offensichtlichen Anlass der Proteste verschweigen Chinas staatlichen Medien nicht. Han-Chinesen und Angehörige der ethnischen Minderheit der Uiguren waren im Juni nach einer Online-Falschmeldung über eine Vergewaltigung von Chinesinnen durch Uiguren aneinandergeraten. Zwei Uiguren starben. Dass die Randalierer zunächst mit Forderungen nach einer fairen Untersuchung friedlich durch die Straßen marschierten, wie einige Privatvideos auf YouTube zeigen, erwähnen die offiziellen Berichte jedoch nicht. "Wie kann der Tod zweier Uiguren solche Massenrandale auslösen?", fragt der chinesische Sprecher am Ende des Beitrags der Sendung Jiandian Fangtan dramatisierend.

Anders als im Falle Tibets sind die Spannungen in der autonomen Region Xinjiang seit Jahren virulent. Die knapp neun Millionen größtenteils in Xinjiang lebenden Uiguren fühlen sich ethnisch und kulturell den zentralasiatischen Staaten näher als der Volksrepublik. Sie gehören zur Familie der Turkvölker und hängen mehrheitlichem dem sunnitischen Islam an. Mitte des 18. Jahrhunderts annektierten die Herrscher der Qing-Dynastie ihr Siedlungsgebiet.

Alle Versuche, einen eigenen Staat in Anlehnung an das einstige Großreich im 8. Jahrhundert zu errichten, scheiterten. Schließlich setzte die kommunistische Volksbefreiungsarmee mit ihrem Einmarsch der kaum ein Jahr alten und international nicht anerkannten "Republik Uiguristan" 1949 ein Ende. Die aktuellen Krawalle der Uiguren haben mit dem 60. Jahrestag der endgültigen Besetzung durch China genau wie bei den Tibetern einen symbolischen Aufhänger.